Aktuell
Home | Lokales | Keine echte Energiewende
3030557.jpg

Keine echte Energiewende

kg Lüneburg. Bei den Zahlen sollte jeder Hausbesitzer aufhorchen: Rund 80 Prozent des Primärenergiebedarfs von Gebäuden könnten bis 2050 durch die Sanierung von bestehendem Baubestand und energieeffizienten Neubauten eingespart werden. Die Durchsetzung dieses Ziels ist seit Unterzeichnung des Energiekonzepts 2010 durch die Bundesregierung nicht nur Pflicht aller deutscher Kommunen, sondern bedeutet für Hausbesitzer und Mieter oft bares Geld und durch reduzierte CO2-Emissionen mehr Schutz für das Klima. Über Energieeffizienz in Gebäuden referierte Julia Verlinden in ihrem Vortrag „Den ,schlafenden‘ Riesen wecken“ bei der Konferenz „Prima Klima +20“ an der Universität.

Aufgrund der hohen, bislang ungenutzten Einsparpotentiale in diesem Gebiet bezeichnete Prof. Peter Pez, wissenschaftlicher Leiter der Veranstaltung, den Beitrag als „das wichtigste Thema der Konferenz“. Auf Initiative von Joas Scholz von der Klima-Bündnis-Agentur Nord kamen viele Experten zum Thema Klimaschutz an der Leuphana zusammen, darunter Prof. Hartmut Graßl, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Julia Verlinden promoviert an der Leuphana im Fach Politikwissenschaften und untersucht, wie effektiv die EU-Gebäuderichtlinie in Deutschland implementiert wurde, die bis Januar 2006 in nationales Recht umzusetzen war. Bislang seien kaum Erfolge sichtbar: Nur wenige Verbraucher wüssten überhaupt, dass beispielsweise für alte Heizungen Nachrüstpflichten bestehen oder Mietinteressenten bei der Besichtigung einer Wohnung vom Vermieter den Energieausweis einfordern können. Dieser weist den Heiz- und Warmwasserverbrauch des Objektes im Vergleich zu ähnlich alten Häusern aus.

Tückisch zeige sich auch der sogenannte Rebound-Effekt: „Je mehr wir das Gefühl haben zu sparen, desto mehr konsumieren wir.“ Trotz Ressourceneinsparungen entstehe so keine Umweltentlastung. Seit den 60er-Jahren sei der Raumwärmebedarf pro Quadratmeter zwar stetig gesunken, die Wohnfläche pro Kopf jedoch gestiegen. „Der Raumwärmebedarf pro Kopf hat sich daher in den vergangenen 50 Jahren fast nicht verändert“, sagt Julia Verlinden. „Zu viele Menschen, die beispielsweise nach dem Tod oder der Trennung vom Partner zurückbleiben, wohnen in zu großen Wohnungen.“

Ohne Erfolge im Gebäudebereich sei die Energiewende lediglich eine Stromwende, schlussfolgert die Referentin. „Wir können davon ausgehen, dass die Gebäudeenergie mittelfristig zu einem Gerechtigkeitsthema wird. Nämlich dann, wenn ärmere Menschen sich das Heizen nicht mehr leisten können.“ Die Doktorandin gibt daher in ihrer Dissertation diverse Empfehlungen, wie die Verantwortlichen die Energiesparverordnung in ihren Kommunen besser durchsetzen können.

Zuhörer hat die 34-Jährige bei ihrem Vortrag nur wenige. „Die Resonanz auf die Konferenz ist sehr mau“, gibt Pez zu. Selbst zum prominentesten Redner, Prof. Hartmut Graßl, kommen nur etwa 30 Personen. „Ich habe schon seit Jahren die Befürchtung, dass sich das Thema Klima totläuft“, bedauert Pez. Katastrophenmeldungen seien nicht immer direkt sichtbar, der Klimaschutz sei eine langfristig angelegte Aufgabe, das Thema nutze sich ab. „Deswegen müssen Klimapolitiker ihre Kommunikationsstrategie umstellen“, findet der Geograph. Auf nationaler Ebene sollte man beispielsweise herausstellen, wie Menschen durch Energiesparen unabhängiger werden können. „Die Argumente müssen materiell und finanziell unterfüttert werden, um jedem einzelnen das Energiesparen schmackhaft zu machen.“ Dies gelte besonders für die Sanierung von Gebäuden, damit Energiekosten erst gar nicht entstehen. Julia Verlinden sagt deshalb: „Die beste Energieressource ist die, die nicht gebraucht wird.“