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Kein Platz für „Agrarromantik“

akm Lüneburg. Der Johanniterorden, der sich dem Glauben und der Nächstenliebe verpflichtet fühlt, macht sich Gedanken über die Zukunft der Landwirtschaft – wie passt das zusammen? Sehr gut, findet Christof von Borries, Leiter der Subkommende Lüneburg des Ordens. „Beide verbindet Tradition, Verantwortungsbewusstsein und Nächstenliebe.“ Und so stand der Neujahrsempfang der Johanniter in der Kirche St. Michaelis in diesem Jahr ganz im Zeichen von Gentechnik, Massentierhaltung und Düngung. Die ethischen Fragen zu dieser Form der Bewirtschaftung stellte Gastredner Carl Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft. Seine Antworten mögen Ökobauern und Biokost-Kunden provozieren. Für Bartmer ist Fortschritt Nächstenliebe, Stillstand und Agrarromantik seien eine gefährliche Illusion.

„Moderne Landwirtschaft ist nicht Fluch sondern Segen“, betont Bartmer – vorausgesetzt, sie werde nicht aus reinem Selbstzweck, also etwa zur Bereicherung Einzelner, betrieben. „Fast eine Milliarde Menschen hungern heute, weitere zwei bis drei Milliarden Menschen werden nicht ausreichend ernährt“, eröffnet Bartmer seine Rede und kontrastiert den Hunger der Welt mit ethischen Fragen zur Massentierhaltung. „Sind Ställe mit 1000 Kühen oder 10 000 Zuchtsauen eigentlich ethisch zu rechtfertigen?“, fragt der Landwirt. Eine Antwort leitet er vom Theologen Dietrich Bonhoeffer ab, indem er auf den Herrschaftsauftrag der Schöpfungsgeschichte verweist. Demnach habe der Mensch als rationelles Wesen den Auftrag bekommen, Leib und Natur zu erhalten. Und da die Vernunft von Gott gegeben sei, seien auch Wissenschaft und Technik als schöpferische Leistung der Vernunft von Gott gegeben.

Eine ethisch richtige Landwirtschaft müsse daher immer den Blick auf die Lebenswirklichkeit haben, und zwar über deutsche und europäische Grenzen hinaus, wie Bartmer betont. „Im Kontext von Hungersnot und expandierender Weltbevölkerung kann Landwirtschaft kein idealisierter Produktionsprozess mehr sein.“ Bewirtschaftungsformen wie Ökobau, extensiver Ackerbau oder eine Tierhaltung nach historisierenden Vorbildern seien global betrachtet nur vermeintlich ethisch und sozialverträglich. Denn wer sich dem Fortschritt in Ackerbau und Tierhaltung verschließe, der nutze nicht die ihm gegebene Vernunft. Für Bartmer gibt es daher nur einen Weg: „Moderne Landwirtschaft ist die ethisch fundierte Antwort auf die globale Aufgabe, täglich 200 000 Menschen zusätzlich und alle besser zu ernähren.“

Der traditionelle Empfang in der St.-Michaelis-Kirche stand in diesem Jahr außerdem unter einem besonderen Stern. Taggenau vor 900 Jahren hatte Papst Paschalis der Zweite den Orden der heutigen Johanniter und Malteser anerkannt und unter den Schutz der Kirche gestellt. An den Feierlichkeiten anlässlich dieses Jubiläums in Rom nahm auch ein Lüneburger Johanniter teil: Christof von Borries. Auf der Rückreise bekamen von Borries und seine Frau viele aufgeregte Anfragen von Freunden: „Was habt ihr mit dem Papst gemacht?“ Einen Tag nach der Audienz der Johanniter im Vatikan trat Benedikt XVI. zurück.