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Die Talentschmiede

kg Lüneburg. Mit einem kritischen Blick durch den selbstgebauten Windkanal schaltet Niklas die Nebelmaschine ein. Das Projekt, an dem er und sein Mitschüler Caspar Appel in den vergangenen Monaten getüftelt haben, ist auf einem fahrbaren Tisch aufgebaut, den sie in den weißen Lichtkegel einer Stehlampe gerollt haben. Der Rest des Physiksaals ist abgedunkelt. So können die Jungs den Luftstrom der Nebelmaschine besser erkennen. Ihr Experiment zu den Luftströmungen am Savonius-Rotor, einem kleinen vertikalen Windkraftwerk mit schaufelförmigen Rotorblättern, ist eines von zehn Projekten aus der Jugend-forscht-AG des Johanneums für den Regionalwettbewerb am 1. und 2. März.

Das Gymnasium ist eine Jugend-forscht-Hochburg: Seit Anfang der 80er-Jahre schickt die Schule Teams zu den Wettbewerben und stellt nicht selten die mit Abstand meisten Projekte aus der Region. Auch in diesem Jahr liegt das Johanneum mit zehn von 54 angemeldeten Projekten weit vorn.

Dabei geht es AG-Leiter Michael Rode nicht darum, möglichst viele Siege nach Hause zu bringen: „Ziel ist nicht der Sieg sondern die Teilnahme — wie bei Olympia. Die entscheidende Frage ist: Sind die Arbeiten so gut geworden, dass die Schüler sich damit ohne Gesichtsverlust der Jury stellen können?“ Das Jury-Gespräch, in dem sie ihre Arbeitsergebnisse vor Erwachsenen verteidigen müssen, sei oft ein entscheidender Moment. „Daran wachsen sie um Meter. Denn dort müssen sie fachlich kritischen Menschen vermitteln, was sie da ein Jahr lang erarbeitet haben.“

Niklas und Caspar haben sechs verschiedene Kombinationen mit Rotorblättern an ihrem kleinen Windkraftwerk ausprobiert. Hinter ihnen liegen wochenlange Recherchen, die Schubladen sind gefüllt mit großen Messdiagramme. „Wir haben getestet, wie sich die verschiedenen Stellungen der Rotorblätter auf die Windverhältnisse auswirken und wie viel Strom sie dann noch produzieren“, erklärt Niklas. „Außerdem geht es um die Umweltauswirkungen von Windkraftwerken. Man hört ja immer wieder, dass durch sie große Verwirbelungen erzeugt werden, das stört zum Beispiel den Vogelflug.“ Mit der Nebelmaschine untersuchen sie, wie viel Luft sich vor dem Windkraftwerk sammelt und wie viel hindurch tritt. „Entstehen Verwirbelungen, wird der Strom nicht fortgesetzt und wir haben hinter dem Rotor keinen Wind mehr. Dadurch kann es zu Vogelschlag kommen“, weiß Niklas. So nennt man das Zusammenprallen von Vögeln mit natürlichen oder von Menschen erbauten Hindernissen, wenn die Tiere der Barriere nicht ausweichen können.

Rund 25 Schüler forschen derzeit in der AG am Johanneum. Manche Projekte entwi“ckeln sich über einige Wochen und Monate, andere brauchen Jahre. „Das ist wie beim guten Winzer. Einen Jahrgang haben wir auf dem Weinstock, einen in den Fässern und einen schicken wir zum Wettbewerb“, sagt Rode und lacht. In der AG sind auch die Jüngeren mit dabei, die beim Wettbewerb „Schüler experimentieren“ für alle 10- bis 14-Jährigen mitmachen.

Ihre Experimente können sich ebenfalls sehen lassen. Fine Westedt aus der 5. Klasse testet mit einem abgedunkelten Pappkarton und Leuchtdioden, wie sich Farben bei unterschiedlicher Beleuchtung verändern. „Meine Mutter hat sich in einem rot beleuchteten Laden ein schwarzes Kleid gekauft. Als sie es zu Hause ausgepackt hat, war es grün“, erzählt sie. So entstand die Idee für ihr Projekt.Valentinod’Aurio aus Klasse 8 will Elektroautos weiterentwickeln. Auf seinem selbstgebauten Modell hat er eine Solarplatte befestigt, die dem Auto zusätzlichen Antrieb verleihen soll. Es klappt noch nicht alles einwandfrei, doch per Fernsteuerung und Verbindungskabel saust das kleine Gefährt bereits durch die Gegend.

Seit fast 30 Jahren motiviert dieser Entdeckergeist der Kinder Physiklehrer Rode, neben dem Unterricht die Jungforscher am Johanneum zu betreuen. Fast 180 Projekte haben seitdem am Wettbewerb teilgenommen. „Die AG ist ein Angebot der naturwissenschaftlichen Jugendarbeit. Die Kinder, die sich gern mit Solarautos und Basteleien beschäftigen, finden dieses Angebot sonst nirgends“, glaubt Rode. „Hier können sie sich mit Gleichgesinnten und guten technischen Möglichkeiten sowie der Unterstützung von Lehrern mit Themen beschäftigen, die sie interessieren.“

Ein Video über die Jungforscher vom Johanneums gibt es auf www.lzplay.de im Netz.