Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Möglichkeiten der Kontrolle begrenzt

pet/dth Lüneburg. Die Ermittlungen gegen 200 Betriebe, davon allein 150 in Niedersachsen, laufen auf Hochtouren. Falsche Deklarierung von Hühnereiern wird ihnen vorgeworfen, teilweise viel zu eng sollen die Tiere gehalten, Eier später als „Freilandeier“, oder sogar „Bio-Eier“ verkauft worden sein. Die großen Geflügelbetriebe Niedersachsens liegen im Westen des Landes, die Staatsanwaltschaft Oldenburg führt die Ermittlungen. Die Auswirkungen sind auch im Kreis Lüneburg spürbar.

Für die Kontrollen unter anderem auch der Legehennenbetriebe ist das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) mit Hauptsitz in Oldenburg zuständig. „Stellungnahmen zum Stand der staatsanwaltlichen Ermittlungen“ darf ich natürlich nicht abgeben, erklärt dessen stellvertretende Pressesprecherin Dr. Silke Klotzhuber.

Sie erklärt das System der Kontrollen: Im „Legehennenbetriebsregister“ des Landes, das beim Laves geführt wird, waren im vergangenen Jahr 805 Betriebe mit 1080 Ställen registriert – ab 350 Hennen sind Betriebe registrierungspflichtig. Abhängig unter anderem von der Betriebsgröße oder Auffälligkeiten in der Vergangenheit sind die Betriebe in drei Risikoklassen eingeteilt. Klotzhuber: „In der höchsten erfolgen Kontrollen zweimal jährlich, in der zweiten zweimal in drei Jahren, in der dritten einmal in fünf Jahren. Bei jeder Auffälligkeit gibt es eine Nachkontrolle.“

Bei ihren Kontrollen hätten die Laves-Mitarbeiter aber keine Möglichkeit, jede Henne zu zählen – kontrolliert werde anhand von Rechnungen und Lieferscheinen. Klotzhuber: „Die Möglichkeiten, eine Überbelegung festzustellen, sind begrenzt. Überprüft werden Legeleistung und Anzahl der gemeldeten Hennen.“ Ein Versagen der Kontrolle an sich sieht die Sprecherin nicht. „Und die Frage, ob es genug Kontrolleure gibt, ist eine politische, auch die kann ich nicht beantworten.“

Jens Wischmann, Vorsitzender des Kreisverbands Lüneburg im Bauernverband Nordostniedersachsen, hatte gerade am letzten Donnerstag bei der Kreisversammlung „das Fehlverhalten einzelner schwarzer Schafe“ in der Landwirtschaft beklagt, das immer gleich „dem ganzen System angelastet wird“. Keine drei Tage später wurden die nächsten „schwarzen Schafe“ entlarvt.

Zum neuen Eier-Skandal wollte sich Wischmann gestern aber noch nicht äußern. „Man kann noch nichts Konkretes sagen darüber, wie viele Betriebe betroffen und wie viele Hühner dort aufgestallt worden sind“, sagt Wischmann, der selbst sein Frühstücksei „von Verwandten bezieht, die Hühner halten“. Und weiter: „Klar ist aber natürlich, dass Haltungsvorschriften beachtet werden müssen. Wer das nicht macht, der begeht Betrug.“

Ob Dioxin-Skandal oder Etikettenschwindel, Carsten Bauck vom Demeterbetrieb „Bauckhof“ sagt auf LZ-Nachfrage: „Solche Skandale sind für uns Nachfrage fördernd und führen zu einem starken Nachfrageüberhang. Da wir nach den strengen Demeter-Richtlinien in Kreisläufen wirtschaften, können wir nicht plötzlich unsere Produktion erhöhen.“

Und: „Im Gegensatz zu kleineren Biobetrieben haben wir den Vorteil, dass die Leute den ,Bauckhof‘ als zweitältesten Biobetrieb Deutschlands als zuverlässige Marke kennen und wissen, dass wir die Bio-Richtlinien übererfüllen, während andere, ökologisch oder konventionell wirtschaftende Großbetriebe versuchen, die Bio-Richtlinien geradeso zu erfüllen, um Kosten zu sparen und Produkte möglichst billig anzubieten. Das sind diejenigen, die das Bio-Image, das andere über Jahre mühsam aufgebaut haben, für ihre Zwecke ausschlachten.“

Bestätigt in seinen Auffassungen sieht sich Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (AbL) mit Sitz in Lüneburg. „Betrug ist Betrug“, schimpft er mit Blick auf die 200 Verdachtsfälle in Norddeutschland. „Sollten sich die Fälle bewahrheiten, muss das für die Betroffenen Berufsverbot bedeuten, gegen systematische Betrüger muss vorgegangen werden. Auch weil es zu Lasten ehrlicher Bauern geht.“

Janßen: „Wir brauchen einen Gesellschaftsvertrag über eine tiergerechte und umweltschonende Landwirtschaft.“ Der AbL-Geschäftsführer ist sicher: „Die Gesellschaft ist da schon weiter als die Politik.“ Die Verbraucher, so Janßen, „wollen Qualität, nachvollziehbare Qualität, sie wollen wissen, wie Tiere gehalten werden und welches Futter sie bekommen.“