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Der Tonfall muss stimmen

ff Lüneburg. Wenn Matthias Nawrat eine neue Geschichte schreibt, dann fühlt er sich wohl wie ein Komponist, der Harmonien und Melodien ausprobiert: Der Tonfall muss stimmen, erst dann kann eine Erzählung gelingen. Manchmal merkt der Schriftsteller erst nach 50 oder gar 100 Seiten, dass der Rhythmus nicht wirklich groovt, die Akkorde dissonant klingen. Bei ,,Wir zwei allein“ aber hat alles gepasst. Das fanden auch die Literatur-Kritiker, die Nawrats Debüt-Roman erst mit dem Kelag- und nun auch mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis auszeichneten. Jetzt sitzt Matthias Nawrat als aktueller Lüneburger Literatur-Stipendiat bereits an seinem übernächsten Roman.

Mit der Sprache hat es der Schriftsteller, Jahrgang 1979, schon immer genau genommen. Matthias Nawrat stammt aus Polen, übersiedelte als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Bayern und zerlegte das Deutsche in seine Bestandteile: Er untersuchte die visuellen und die phonetischen Facetten, interessierte sich also zunächst eher für die optischen und die klanglichen Eigenschaften der Sprache, bevor er ihre Ausdrucksmöglichkeiten ausprobierte.

Geprägt wurde der Teenager vor allem von Klassikern, von Leo Tolstoj über Ernest Hemingway bis zu Max Frisch und Stanislaw Lem. Seine erste eigene Geschichte allerdings war Horror à la Stephen King.

Sein Biologiestudium schloss Matthias Nawrat eher aus Gründen der Vernunft ab, die Arbeit als Wissenschaftsjournalist brachte Geld ein und damit die nötige Freiheit für das Schreiben im Hauptberuf. Die ersten Versuche allerdings waren alle in der Schublade gelandet  ,,zehn Jahre schreiben und schreiben, da musste ich einfach durch“, sagt Matthias Nawrat.

Um so eindrucksvoller geriet dann die erste Publikation: ,,Wir zwei allein“ (Verlag Nagel Kimche, 2012): Benz, ein verträumter junger Mann, hat sein Philosophie-Studium abgebrochen, jetzt schaukelt er gedankenverloren und zufrieden als Gemüse-Auslieferer landauf, landab durch den Schwarzwald. Er lernt die schöne Theres kennen, die auch ein bisschen verhuscht ist, es kommt zu einer gemeinsamen Nacht. Sie verlieren sich dann aus den Augen, treffen sich wieder. Theres hat nun einen neuen Begleiter an ihrer Seite, aber ist er ihr Liebhaber?

Benz und Theres werden sich nie wirklich verstehen, trotz aller Worte, es ist ihnen auch irgendwie egal. ,,Die Sprachblumigkeit und die Kommunikationsarmut  sie markieren die Fallhöhe in dem Roman“, sagt Matthias Nawrat, der selbst lange im Schwarzwald lebte.
Immer steht bei ihm am Anfang die Sprache, die Handlung fließt zunächst eher nebenbei in den Text mit ein, es geht nicht um die Umsetzung eines vorgefertigten Plots  ,,ich bin ja nicht der Vollstrecker einer Idee“. Erst spät setzt das ein, was Matthias Nawrat ,,Bergwerksarbeit“ nennt, also: das greifbare Material zutage fördern.

Die aktuelle, gerade beendete Erzählung erzählt von einer Familie, die sich nur mühsam über Wasser hält, auch die Kinder müssen hart arbeiten. Und das jüngste Projekt, wieder eine Familiengeschichte, führt in die alte Heimat, nach Polen. Er selbst ist gerade von Freiburg im Breisgau nach Berlin gezogen und preist ,,die Anonymität und die schöne Hässlichkeit“ der Metropole. Irgendwann hatte Matthias Nawrat es satt, in ,,hübschen kleinen Städtchen“ zu leben. Bis zum Ende seine Heinrich-Heine-Stipendiums allerdings, also bis Mitte April, will er es noch in Lüneburg aushalten.