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Gegen Genitalverstümmelung

kg Lüneburg. Schritt für Schritt haben rund 500 Menschen jetzt auf das Thema Genitalverstümmelung aufmerksam gemacht – bei einem Spendenlauf an der Uni Lüneburg. Die Aktion der Konferenzwoche organisiert haben fünf Studenten des Leuphana-Semesters mit Unterstützung der amnesty-Hochschulgruppe. Mit Rüdiger Nehberg, Survival-Experte und Aktivist für Menschenrechte, hatte die Veranstaltung einen prominenten Schirmherrn, Firmen spendeten pro Läufer Geld, insgesamt kamen rund 1500 Euro für Nehbergs Verein Target zusammen. Die Organisation setzt sich gegen die Beschneidung von Frauen ein.

Rund 150 Millionen Frauen weltweit sind von Genitalverstümmelung betroffen, 90 Prozent von ihnen sind Muslimas. „Die häufigste Begründung ist, der Koran schreibe die Beschneidung vor“, sagt Nehberg. „Deshalb war meine Idee, die höchsten Verantwortlichen des Islam dazu zu bewegen, den Brauch zur Sünde zu erklären, damit klar wird: Wer das tut, der beleidigt seine Religion und Allah.“ Denn wie könnten Menschen sagen, Allah hätte bei den Frauen einen Fehler gemacht und sie wüssten es besser, fragt der 78-Jährige.

Ein Semester lang haben sich die Studenten des ersten Semesters im Seminar „Soziale Aspekte der Nachhaltigkeit“ mit unterschiedlichen Mikroprojekten beschäftigt. Die Gruppe von Sarah Heuberger thematisierte die weibliche Genitalverstümmelung im westafrikanischen Guinea-Bissau. „Es war schon sehr erschreckend, sich mit den ganzen Prozeduren zu beschäftigen, wie unhygienisch das ist und was die Mädchen ihr Leben lang für Qualen erleiden“, sagt Sarah Heuberger. Schnell sei der Gruppe klar gewesen, dass sie etwas unternehmen wolle. „Nur Waffeln zu backen, war uns aber zu langweilig“, sagt die 21-Jährige. die Gruppe nahm Kontakt mit Rüdiger Nehberg auf. Der folgte der Einladung nach Lüneburg, eröffnete den Spendenlauf und erzählte vor einem voll besetzten Hörsaal aus seinem Leben.

„Mit meiner Geschichte will ich zeigen, wie viel mehr möglich ist, als man sich selbst manchmal zutraut“, sagt Nehberg, der sich in den 80er-Jahren besonders für die Rechte der Yanomami-Indianer in Brasilien einsetzte, die von der Goldsucher-Mafia ihres Landes beraubt und ermordet wurden. „Damals dachte ich zunächst: Als kleiner Ausländer hast du keine Chance, etwas dagegen zu tun“, berichtet Nehberg. Doch eine kreative Wut habe ihn stets daran gehindert, auf diese Zweifel zu hören. Seit einigen Jahren setzt er sich nun für ein neues Ziel ein: den Kampf gegen weibliche Beschneidung.

2006 organisierte er mit seinem Verein Target ein Ereignis, das zu einer wichtigen Grundlage für die weitere Arbeit werden sollte. Sie versammelten die wichtigsten Religionsführer der arabisch-islamischen Welt an der Universität von Kairo, die gemeinsam ein Rechtsgutachten verfassten, in dem sie sich gegen Genitalverstümmelung aussprechen. Es stellt eine Predigtgrundlage für Imame dar, die Nehberg in allen Moscheen der Welt auslegen möchte. Mit dem Geld vom Lüneburger Spendenlauf will der Verein eine Neuauflage des Buches in arabischer und portugiesischer Sprache finanzieren und diese unter anderem in Guinea-Bissau verteilen. Dennoch sei es noch ein weiter Weg, weiß Nehberg. Oft sei die Scham, über weibliche Beschneidung zu sprechen, für die es im Arabischen nicht mal eine Vokabel gebe, immer noch stärker als der Verstand.