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Die älteste Kneipe der Stadt

ina Lüneburg. Seit Jahrzehnten wirbt das Pons am Stint mit dem Prädikat „älteste Kneipe Lüneburgs“. Entsprechend steht im Internet: „In unserem Haus wurde etwa ein halbes Jahrtausend lang Bier gebraut und ausgeschenkt. Schon fünfzehn Generationen haben hier dem Bier zugesprochen. Wir arbeiten daran, dass diese ehrwürdige Tradition fortgeführt wird.“ Tatsächlich war in der ersten urkundlichen Erwähnung 1486 ein „Kroger“ als Hauseigentümer eingetragen. Wie „Kruger“ oder „Krüger“ ist dies ein Hinweis auf einen Gastwirt mit erteiltem Krugrecht. Später war hier die Lüneburger-Braunbier-Brauerei H. Luhmann mit ihrem Ausschank Alt-Lüneburger-Bierstube untergebracht.

Laut allgemeiner Definition ist eine Kneipe eine Gaststätte, „die hauptsächlich dem Konsum von Bier, aber auch anderen alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränken dient“. Da im Lüneburg der alten Hanse einst 80 Brauereien – 24 davon allein im Wasserviertel – angesiedelt waren, stellt sich die Frage: Haben die Brauhäuser auch Ausschank betrieben? „Selbstverständlich haben die Brauereibesitzer ihr Bier vor Ort verkauft“, erklärt Martin Zackariat, Vorsitzender des Lüneburger Bezirksverbandes im Hotel- und Gaststätten-Verband und Inhaber der Wassermühle Heiligenthal.

Wenn aber Brauhäuser die ersten Gaststätten Lüneburgs waren, befindet sich die älteste Kneipe Lüneburgs an der Heiligengeiststraße (früher Wollenweberstraße), denn hier in Nr. 41 begründete der Bierbrauer Thomas Lampe bereits 1485 eine Brauereidynastie, wie ein bleiverglastes Fenster in der Festdiele noch heute belegt. Dem Pons ist die Krone im Gründungsdatum somit ein Jahr voraus. Martha Sophie Marcus, Autorin historischer Romane, lässt in ihrem Buch „Salz und Asche“ 1656 einen ihrer Protagonisten im Gasthaus Zum goldenen Stern im Gebäude der angeschlossenen Kronen-Brauerei einkehren. Ihre Informationen stammen, wie sie sagt, aus dem Buch „Lüneburgs Krone. 500 Jahre Braukunst in der Heiligengeiststraße“ von Helmut C. Pleß. Von den damaligen Brauereien ist die Krone übrigens die einzige, die ihren Gastbetrieb noch immer aufrecht erhält. Bis in die 1980er-Jahre hinein wurde hier das Lüneburger Kronen-Pilsener gebraut, der Betrieb im Sudhaus wurde dann aber an den Stadtrand verlegt.

Krone-Stammgast Jochen Pastor war als Diplom-Braumeister 40 Jahre Technischer Betriebsleiter der Brauerei. gerne erinnert er sich noch an die Plüschsofas, die in den 1960er-Jahren den Gastraum zierten. „Damals war der Raum in der Mitte abgesenkt, sodass man dort wie in einer gemütlichen Höhle saß.“ Durch die Diele mit ihren hohen Mauern und dem nachträglich eingebauten hölzernen Treppengeländer konnte man ins Sudhaus gelangen. Heute ist dort das Brauereimuseum mit seiner „Trinkgefäße-Schatzkammer“ untergebracht. Die historische Gaststätte zieht aber noch immer Stammgäste wie Touristen an. Kronenwirt Lutz Stoffregen freut sich: „Unser Lokal wird auch manchmal in den ,Roten Rosen‘ gezeigt – das beschert uns zusätzliche Aufmerksamkeit.“

Auf den öffentlichen Titel „älteste Kneipe Lüneburgs“ verzichtete das beliebte Gasthaus allerdings bisher, ist es doch nach Iris Janssen vom Krone-Leitungsteam mehr Gaststätte als Kneipe. „Vielleicht meint das Pons, es könnte sich als ,älteste Kneipe‘ von den anderen Gasthäusern unterscheiden, weil es dort nichts zu essen gibt“, mutmaßt sie. Pons-Inhaber Thomas Sander geht die Frage indes gelassen an: „Das eine Jahr, was soll’s? Ob man das allerälteste, das älteste oder das zweitälteste Wirtshaus betreibt – wirklich relevante Nachweise über erste Ausschankaktivitäten sind doch sowieso kaum vorhanden.“

Einen Namensvetter hatte die Krone an der Dahlenburger Straße – sie wurde am 11. Januar 1906 von Karl Nolte eröffnet. Der Zimmermeister und Bauunternehmer bot neben der Gaststätte auch einen Ausspann zum Pferdewechseln sowie Fremdenzimmer an, das eigentliche Brauhaus mit heutigem Namen Nolte existiert erst seit knapp zwanzig Jahren.

Eine weitere historische Schankwirtschaft, das Alte Brauhaus in der Grapengießer Straße, besteht dagegen bereits seit 1505. Inhaberin Marlies Korte bedauert jedoch nicht, hinter der Krone und dem Pons 20 Jahre im Hintertreffen zu sein. Stattdessen wirbt sie mit ihrem Mann Alexander auf der Internetseite: „Mit über 500 Jahren in der Schankwirtschaft ist es eines der ältesten Häuser Deutschlands.“ Gibt es für diese Behauptung einen Beleg? Sie lacht: „Wir glauben das, beweisen können wir es nicht.“

Auch im Landkreis existieren Gaststuben mit jahrhundertelanger Tradition, wie die Gaststätte Zum Anker in Bardowick. Inhaber Rudolf Bardowicks ist ein Gastronomenspross „in achter oder neunter Generation“. Sicher weiß er nicht, seit welchem Jahr sein Haus, das einst durch den Gemüsehandel am Anlegeplatz der Ilmenau entstand, von seinen Vorfahren betrieben wurde. „Es existiert eine Familienbibel mit einem entsprechenden Eintrag von 1750.“ Auch das Landgasthaus Niedersachsen hat Tradition: Schon vor dem großen Brand 1817 in Amelinghausen – nur zwei Häuser überstanden das verheerende Feuer – kehrte man hier ein, um sich von der Postkutschenfahrt zu erholen.