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Der Erfolg einer spinnerten Idee

ca Lüneburg. Ideen müssen manchmal ein wenig größenwahnsinnig sein, um eine realistische Chance zu haben. So wie das Projekt Wasserturm. Als Rüdiger Hedde seine Vision verkündete, glaubten wenige an eine Umsetzung. Heute zählt der 1907 gebaute Turm nicht nur zu den Wahrzeichen Lüneburgs, sondern ist auch ein Besuchermagnet. Jetzt will Hedde sein „Baby“ allein lassen, andere sollen Verantwortung übernehmen. An die Spitze des Trägervereins rückt Uwe Wegener, der ihm 2007 bereits als Leiter der Hauptschule Stadtmitte nachgefolgt war. Am Freitag, 1. März, wird Hedde in einer Feierstunde verabschiedet – natürlich im Wasserturm.

Hedde ist ein beharrlicher Mann, einer der anstrengend ist, wenn er es für nötig hält. Alles begann mit der Planung für die Expo 2000 in Hannover. Die Weltausstellung stand unter dem Motto „Mensch, Natur, Technik“, ein Aspekt war die Frage „Welche Zukunft braucht die Schule der Welt?“. Hedde, damals Rektor der Hauptschule Stadtmitte, wollte den alten Wasserturm, der ungenutzt in einem Dornröschenschlaf lag und vor sich hinbröselte, reaktivieren: Schüler sollten erklären, wie wichtig Wasser ist, welche Bedeutung die Wasserversorgung Lüneburgs hatte und welche Geschichte der von Franz Krüger konzipierte Speicher hat. Das war im Jahr 1996.

„Tolle Idee“, fanden viele im Rathaus und in der Politik. „Aber ein bisschen spinnert. Wer soll das bezahlen?“ Die geschätzten Kosten gingen in den Millionenbereich, auch wenn man dem „Verrückten“ den Wasserturm für die symbolische eine Mark überließ. Doch Hedde und seine Mitstreiter ließen nicht locker. Sie entwarfen Pläne, überzeugten Minister, Firmen und Privatleute. Mit ihrem Konzept bewarben sie sich als eine von 300 Schulen als Außenstelle der Expo. Hedde: „40 kamen in die engere Auswahl, auch wir.“

Er holte den Sozialträger Neue Arbeit an Bord, der qualifizierte auf der Baustelle Langzeitarbeitslose. Die Firmen Garbers und Manzke unterstützten mit Werkzeug und Fahrdiensten, auch andere Unternehmen halfen. Aus dem Vorhaben wurde eine Bürgerbewegung: Lüneburger kauften symbolisch 300 Treppenstufen und Fenster. Kleine, nützliche Zuschüsse. Und es entstanden Gemeinsinn und Begeisterung für den Turm.

Für die Expo reichte das alles nicht: „Wir wurden nicht genommen, den Organisatoren erschien die Finanzierung zu wackelig“, sagt Hedde. Am Ende hatten er und seine Unterstützer mehr als 2,5 Millionen Euro verbaut und hielten trotz aller Rückschläge den Eröffnungstermin ein: 16. Juni 2000. Während andere Expo-Schulprojekte längst eingeschlafen sind, funktioniert das Konzept des Turms noch immer.

Hedde agierte als Turmchef im Nebenamt. „Ich war nur Koordinator, ohne das Kollegium der Schule wäre das nicht gegangen“, sagt er und betont: „Auch nicht ohne die drei Frauen, die den Turm im Alltag führten: Claudia Sasse, Josefin zum Felde und Hilde Rosenbaum.“ Deren Bilanz ist beachtlich, mehr als eine Million Besucher standen bereits auf der Aussichtsplattform, inzwischen kommen 85 000 pro Jahr. Mehr als 120 Paare lassen sich jährlich im Turm trauen, es gibt Veranstaltungen von der künstlerischen „Vollmondnacht“ bis zur Ausstellung über die Gefahren der Atomkraft. Hauptamtliche, Ein-Euro-Jobber und Bürgerarbeiter tragen zum Erfolg bei. Vor allem aber – wie geplant – Schüler.

Hunderte haben in den vergangenen Jahren Gruppen durch den Turm geführt. Wegener will an dem Konzept festhalten, das Schüler so selbstsicher macht, dass sie vor Gruppen sprechen können. „Hauptschüler haben oft wenig Chancen“, sagt Wegener. Bei Bewerbungen sortiert mancher Personalchef ihre Schreiben gleich aus. Die „Wasserturmführer“ hingegen seien oft willkommen, weil sie im Turm ein sicheres Auftreten, Offenheit und Engagement gelernt hätten.

Schule und Turm seien eine Einheit. Ein bisschen mehr Einsatz als an anderen Schulen sei an der „HS Stadtmitte“ für Pauker selbstverständlich, sagt der Rektor, so sind Lehrer auch sonnabends bei Führungen dabei. Eigentlich hätte Wegener eher das Zepter übernehmen sollen, das regelt der Kooperationsvertrag zwischen Turm und Schule. Doch in den vergangenen vier Jahren musste der Turm wieder saniert werden. Eine Million Euro habe das gekostet, berichtet Hedde: „Fördergeld, Spenden und Eigenmittel.“ Die Sanierung habe er abschließen wollen, nun gehe er mit einem guten Gefühl und wisse, dass er mit Wegener und der ebenfalls neuen Geschäftsführerin Sabine Wohlers ein gutes Team an der Spitze hat. Doch ganz lassen sie ihn nicht ziehen. Wegener sagt: „Rüdiger Hedde soll Ehrenvorsitzender des Trägervereins werden.“