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Es war mir egal, ob sie stirbt

rast Lüneburg. Am 13. November 2012 hing morgens ein Zettel der Ex-Frau an der Imbisstür Am Berge. Im Text beschimpfte sie den Gastronomen auf Türkisch als „Dreckskerl“, der „Scheiße fressen“ solle, und sie forderte die speziellen Tomaten- und Paprika-Würzmischungen zurück, die ihre Mutter für den Laden fertig gemacht hatte. „Ich wollte sie bestrafen für all das, was sie mir angetan hatte“, sagte der 49-jährige Hasan S. gestern vor der 4. Großen Strafkammer am Landgericht: „Als ich sie gegen 16.30 Uhr aus dem Haus gehen sah, habe ich mir das überlegt.“ Mit „das“ meinte der Angeklagte, seine Ex umzubringen, das Tomatenmark sollte als Vorwand dienen. Gegen 17.30 Uhr kam die Frau wieder in Richtung Imbiss. Hasan S. griff sich einen Eimer mit Tomatenmark, versteckte darunter das Messer und ging der Frau entgegen. „Ich habe Angst in ihren Augen gesehen.“ Er stach zu – mehrfach: „Es war mir egal, ob sie stirbt oder nicht.“ Mehrere Stiche trafen im Oberkörper, verletzten auch Lunge und Leber. Nur durch das Eingreifen von Passanten und eine Notoperation konnte das Leben der Frau gerettet werden.

Hasan S. muss sich nun wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft strebt in diesem Sicherungsverfahren allerdings keine Haftstrafe für ihn an, sondern seine Unterbringung in der Psychiatrie. Die Anklage geht von seiner Schuldunfähigkeit aus, begründet durch seinen Eifersuchtswahn und seine Drogen- und Alkoholsucht. Wegen seiner krankhaften seelischen Störung habe er das Unrecht seines Handels nicht gesehen: „Von ihm geht eine Gefahr für die Allgemeinheit aus.“

Die Ex-Frau des Angeklagten tritt als Nebenklägerin auf, wird vertreten von Rechtsanwalt Ulrich Albers. Und der machte gleich zum Prozessauftakt klar, dass der Ex-Mann hinter Gefängnisgitter solle – wegen versuchten Mordes. Der Mann habe durchaus erkannt, was er tat. Albers fordert ein zweites psychiatrisches Gutachten.

In dem schriftlichen Gutachten, das den Prozessbeteiligten vorliegt, aber noch nicht mündlich in der Verhandlung von Psychiater Dr. Reiner Friedrich vorgetragen wurde, wird Hasan S. ein Eifersuchtswahn attestiert. Der Angeklagte, der ganz locker die Tat einräumte („dazu stehe ich“), ging auch intensiv auf die Beziehung zu seiner Ex-Frau ein. Selbst wenn andere Fragen kamen, kam er spätestens nach zwei oder drei Sätzen wieder auf diese Beziehung zu sprechen und machte der Ex Vorwürfe. So sagte er etwa: „Sie hat mir gezeigt, dass ich vier Mal im Leben versagt habe: als Ehemann, als Vater, als Geschäftsmann und als Mann, der es nicht schaffte, sie zu töten.“

Das Paar heiratete 1989, betrieb den Imbiss gemeinsam, wobei sie sich alleine um den finanziellen Part kümmerte. Nach etlichen Streitereien, in denen der Angeklagte nach seinen Worten auch seinem Sohn – einem seiner vier Kinder – „Backpfeifen“ verpasste und auch seine Frau häufiger schlug, bespuckte und an den Haaren zog, trennte sich das Paar. Er sagte gestern: „Sie hatte ständig Stress gemacht.“ Die Scheidung allerdings hatte die Frau eingereicht, die jedoch erst viel später rechtskräftig wurde: Zehn Tage vor der Tat fuhr Hasan S. zum türkischen Konsulat nach Hannover, um die Papiere zu unterschreiben.

Seiner Frau warf er schon seit längerem vor, eine sexuelle Beziehung zu einem Nachbarn zu haben, die „das Leben von fünf Menschen zerstört habe“ – das von ihm, seiner Kinder und das des Sohns vom Nachbarn: „Sie hat mich schon in der Ehe belogen, betrogen und hintergangen.“ Ein Anhaltspunkt für das Verhältnis sei gewesen: „Es gab vom Schlafzimmer aus eine Verbindung mit dem Nachbarhaus. Als ich ins Schlafzimmer wollte, musste ich fünf oder sechs Minuten warten, bis sie aufschloss.“ Seine Mutmaßung: Die Zeit brauchte der Nebenbuhler, um übers Dach zu fliehen. Als Auslöser für die blutige Messer-Attacke schilderte Hasan S. folgende Szene, die sich eine Woche vor der Tat abspielte: Der Nachbar sei mit seinem Wagen an dem Imbiss vorbeigefahren: „Er grüßte mich mit schwungvoller Handbewegung und Freude im Gesicht – da war mir klar: Er hat ein Verhältnis mit ihr.“

Der Prozess wird heute fortgesetzt, dann kommen Zeugen zu Wort, die die Bluttat miterlebt haben.