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Kunden kämpfen für Konsum

off Kaarßen. Seit mehr als 50 Jahren kauft Werner Johls beim Konsum um die Ecke. Fehlt ein Liter Milch oder ein Paket Butter muss der 90-Jährige aus Kaarßen nur ein paar hundert Meter weit fahren — zum einzigen Lebensmittelgeschäft im Umkreis von 20 Kilometern. Doch damit ist in wenigen Monaten Schluss: Die Konsumgenossenschaft Hagenow wird ihre Filiale in Kaarßen zum 30. Juni schließen. Eine Entscheidung, mit der sich die Menschen im Osten der Gemeinde Amt Neuhaus nicht abfinden wollen, bei einem Besuch eines Vorstandsmitgliedes in Kaarßen stellten sie eine Spontandemo mit knapp 100 Leuten auf die Beine. Auch Werner Johls, seit Jahrzehnten Genosse der Gesellschaft, ist sauer. „Wenn unser Konsum wirklich dicht macht, dann werde ich meine Anteile kündigen“, sagt er.

Gleichzeitig bieten „treue Kunden“ des Kaarßener Konsums dem Unternehmen in einem Offenen Brief an, „aus Solidarität neue Anteile“ zu zeichnen — vorausgesetzt der Laden im Ort bleibt erhalten. „Der Konsum in Kaarßen ist für alle Bürger und Institutionen im gesamten Oberamt unverzichtbar“, betonen sie und erklären: „Wir schreiben diesen Brief, weil wir als treue Kunden an eine wirtschaftliche Zukunft dieses Ladens glauben.“ Eine Hoffnung, die der Vorstandsvorsitzende der Konsumgesellschaft, Ralf Bade, beim Blick auf die Ergebnisse der letzten Jahre aufgegeben hat.

30000 Euro Miese hat der Konsum in Kaarßen laut Bade 2012 gemacht, 17000 Euro 2011, 15000 Euro 2010 und 10000 Euro 2009. „Das könnten wir vielleicht auffangen, wenn das Gesamtunternehmen schwarze Zahlen schreiben würde“, sagt er. Doch auch die Genossenschaft mit ihren zwölf Lebensmittelgeschäften, vier Getränkeläden, einem Getränkefachgroßhandel, vier Mode- und drei Schuhhäusern macht Verluste, „deswegen mussten wir auch in Wittenburg eines unserer Modehäuser schließen“. Eine Zukunft für die Filiale in Kaarßen sieht Bade deshalb nicht — zumindest nicht in Konsum-Hand.

Im Oberamt allerdings glauben die Menschen an den Standort, wollen die Sache notfalls offenbar auch selbst in die Hand nehmen. „Seit bekannt geworden ist, dass wir in Kaarßen schließen, haben sich mehrere Interessenten für den Laden gemeldet“, sagt Bade. Mit einem sei die Genossenschaft sogar in konkreten Verhandlungen. Lieber früher als später möchte man in Hagenow das Gebäude verkaufen, „auch weil wir glauben, dass eine Privatinitiative mehr aus dem Laden herausholen könnte als wir“.

Seit Jahren hat die Genossenschaft nicht mehr in die Kaarßener Filiale investiert, „wer daran vorbeifährt, kann bei den zugeklebten Fensterscheiben gar nicht erkennen, dass der Laden überhaupt geöffnet hat“, kritisiert Kaarßens Ortsvorsteherin Annelie Schultz. Auch sie hofft auf eine Zukunft für den kleinen Laden — und denkt dabei vor allem an die älteren Einwohner im Oberamt ohne Auto oder Führerschein. Werner Johls hat Glück, noch kann der 90-Jährige Autofahren. Und trotzdem: „20 Kilometer fahren zu müssen, um einen Liter Milch und ein Päckchen Butter zu kaufen, das wäre für alle im Oberamt eine Katastrophe“, sagt er.