Dienstag , 27. September 2016
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Wo Handicaps keine Rolle spielen

zjp Lüneburg. Ein Mann? Mädels tuscheln und zeigen mit dem Finger auf Dietmar Fricke. Der Neue sorgt für Aufsehen: Männer sind sonst Mangelware in der Gruppe, die einmal die Woche gemeinsam tanzt. Dabei beißen die jungen Damen nicht, sie freuen sich eher über den Studenten, der heute mitmachen will. Anfangs ist er noch etwas zurückhaltend, doch schon bald tanzt er mit einer der jungen Damen. Das ist das Ziel des „Offenen Ateliers“, zu dem die Tanzwerkstatt gehört. Jeden Mittwoch kommen hier Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, die ein Hobby teilen. In zwei Werkstätten in Räumen der Universität am Rotenbleicher Weg können sie sich kreativ austoben – und so spielerisch Inklusion leben, deren Ziel es ist, Menschen unabhängig von ihren Fähigkeiten oder ihrer Herkunft gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.

Nadine Troué sorgt dafür, dass die Hüften in der Tanzwerkstatt ordentlich wackeln. Zu aktuellen Popsongs wie „Gangnam Style“ studiert die Bewegungspädagogin mit der Gruppe Choreographien ein. Sie ist Mitglied im Verein Lüneburger Assistenz, der sich für Inklusion einsetzt. Elf Tanzwillige sind heute dabei. Jessica Bauer hat besonders viel Freude. Die 18-jährige mit Down-Syndrom braucht beim Tanzen viel Platz; Sie reißt ihre Arme in die Höhe und wirbelt über die Tanzfläche – immer mit einem Lächeln. Zum dritten Mal ist sie dabei: „Weil es mir Spaß macht“, sagt sie in der Pause etwas außer Atem.

Noch nehmen hauptsächlich Frauen im Alter von 18 bis 20 Jahren mit geistiger Behinderung teil. Der „Neue“ will das ändern. Seit kurzem ist Dietmar Fricke im Vorstand der Studenteninitiative VisionInklusion. „Ich wollte mal was machen, das aus der Reihe fällt“, begründet der angehende Grundschullehrer sein Engagement. Ziel der Gruppe ist es, besonders Studenten für das Thema zu sensibilisieren – mit eigenen Projekten und Werbeaktionen. Daneben sind die „Visionäre“ auch Schnittstelle zwischen Uni und den Vereinen Lüneburger Assistenz und KuBiG, die die beiden Werkstätten leiten.

Auch in der Kunstwerkstatt ist heute etwas anders. Kunsttherapeutin Ria Dini von KuBiG fehlt krankheitsbedingt, für sie übernehmen zwei Mitglieder von VisionInklusion die Regie. Sie nehmen die getrockneten Bilder von den Staffeleien, reinigen Spachtel und Pinsel und setzen Wasser für Kaffee auf. Acht Hobbykünstler trudeln nach und nach ein, setzen sich gleich an ihre Werke. Es herrscht eine konzentrierte Ruhe. Andrea Schneider experimentiert mit Untergründen für Acrylbilder – aktuell mit aussortierten Memorykärtchen und Spachtelmasse. Sie wohnt in der Nachbarschaft und kommt gern in das Atelier: „Ich finde es wirklich toll hier“, sagt sie. Für die Kulturwissenschaftlerin ist das Atelier ein Ort, an dem sie eigene Ideen verwirklichen kann. Die Grundausstattung ist vorhanden: Papier, Acryl, Kreiden und selbst Spezialitäten wie die Malfarben Tempera und Gouache. Dass es sich bei der Kunstwerkstatt um ein inklusives Projekt handelt, ist für sie nebensächlich.

Das ist der Idealfall: Nicht der Wunsch, Inklusion zu leben, soll im Vordergrund stehen, sondern das Hobby. Dass sich dabei Menschen mit und ohne Handicap begegnen und Barrieren abgebaut werden, ist dabei „nur“ das wünschenswerte Nebenprodukt.