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Kritik an der Rolle der IHK

ca Lüneburg. An die Geschichte der Synagoge Am Schifferwall erinnert nur noch ein Gedenkstein, man muss schon genau hinschauen, um ihn zu erkennen. Einst stand hier ein prächtiges Gotteshaus, doch in der Zeit des Nationalsozialismus mussten die Juden es abbrechen lassen und ihr Grundstück verkaufen – weit unter Wert. Die Geschichte der Juden an der Ilmenau ist mehrfach erzählt, zum Beispiel im Buch „Jüdische Familien in Lüneburg“, das Sibylle Bollgöhn für die Geschichtswerkstatt verfasst hat. Nun legt die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) um Peter Asmussen eine Broschüre zum Thema vor, die sie als „Beitrag zur Diskussion über die Gedenkanlage an der früheren Synagoge“ sieht. Das Heft ist für 3 Euro im Heinrich-Böll-Haus an der Katzenstraße erhältlich.

Die Autoren zeigen, dass damals einige renommierte Lüneburger Geschäftsleute und Handwerker die Verfolgung der Juden durch den Staat ausnutzten, um an ihrem Elend zu verdienen. Mancher von ihnen übernahm auch nach dem Ende der Nazi-Barbarei 1945 wieder Posten in Organisationen und Politik, so als ob nichts geschehen sei.

Kritik geübt wird in dem Heft auch an den Umständen des Verkaufs des Synagogengrundstücks und der Rolle der Industrie- und Handelskammer (IHK). Die Gemeinde, die durch den Druck der nationalsozialistischen Verhältnisse gezwungen war, das Areal zu verkaufen, hoffte auf einen Preis von wenigstens 20 000 Mark, das war eher niedrig, notieren die Autoren. Mit der Summe sei sogar das Reichs- und Preußische Wirtschaftsministerium einverstanden gewesen. Doch offenbar sei Druck auf die jüdischen Verhandlungsführer ausgeübt worden, sie senkten ihre Forderung auf 17 000 Mark. Immer noch zu viel, habe der Regierungspräsident befunden. Am Ende legte die Verwaltung den Einheitswert für Boden von 1914 zugrunde, der bei 15 100 Mark liege. Nicht einmal dieses Geld erhielten die Juden, es wurde auf ein Sperrkonto überwiesen.

Die Kammer nutzte das Grundstück am Ende gar nicht, sondern zog in das Gebäude am Sand, in dem sie noch heute zu finden ist. Am Schifferwall entstand ein Spielplatz.

Die Industrie- und Handelskammer sieht heute keinen Handlungsbedarf. Sie habe von der ehemaligen Stadtarchivarin Dr. Uta Reinhardt ein Gutachten zum Thema erstellen lassen, berichtet ihr Sprecher Markus Mews auf Anfrage der LZ. Ergebnis: „Die IHK hat das Grundstück im April 1939 zum Preis von 15 100 Reichsmark gekauft. Sie hat es zu keinem Zeitpunkt genutzt. Nach dem Krieg wurde das Grundstück an die Jewish Trust Corporation übergegeben. Im Gegenzug erhielt die IHK seinerzeit 330 D-Mark.“

Auf die Frage, ob es sich die IHK vorstellen könne, sich an der Neugestaltung des Gedenkortes finanziell zu beteiligen, antwortet Mews, dass keine diesbezügliche Anfrage der Stadt vorliege. Und: „Wir können ausschließen, dass sich die IHK mit dem Erwerb und der anschließenden Abgabe des Grundstücks bereichert hat. Deshalb sehen wir auch keinen Grund, unsererseits die Initiative zu ergreifen.“

Auch die Kirche hat sich mit dem Thema beschäftigt. Bereits im Mai 2012 hatte Superintendentin Christine Schmid erklärt, sie habe das Landeskirchenamt gebeten, der Sache nachzugehen. Ergebnis der Recherche: Die IHK hat das Grundstück nach dem Zweiten Weltkrieg rückübertragen auf die Jewish Trust Corporation. Von der wiederum kaufte die Kirche 879 Quadratmeter des Grundstücks für 20 Mark pro Quadratmeter. Der Jewish Trust habe 18 gefordert. Die Baukosten hätten 150 000 Mark betragen. Später zog der Landessuperintendent um an den Hasenburger Weg. Ein Gutachten ergab einen Wert für das Areal am Schifferwall von 205 000 Mark.

Wegen der umgebenden Straße hätte der Käufer, ein Arzt, lediglich 150 000 Mark bezahlt. Es habe also keinen üppigen Gewinn gegeben. Dennoch sagt Christine Schmid: Heute würde die Kirche nicht mehr so handeln, es habe mangelnden Rückhalt der Christen für die Juden gegeben. Sie begrüßt Pläne, den Gedenkstein mit einem Mahnmal neu zu gestalten.