Mittwoch , 28. September 2016
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Naturschützer in Sorge

off Lüneburg. Die Planungen zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners gehen in die heiße Phase. Vom Boden und aus der Luft sollen die Raupen in den betroffenen Gebieten mit einem Insektizid besprüht werden, sobald die Eichen wieder Blätter tragen. Was genau die Einwohner dann erwartet, stellt der Landkreis Lüneburg mit den betroffenen Kommunen ab Ostern in insgesamt fünf Informationsveranstaltungen vor (Text unten). Schon jetzt geistert allerdings eine Frage durch die Reihen der Naturschützer: Wie gefährlich ist das eingesetzte Mittel Dimilin 80 für die Umwelt?

Zur Diskussion standen zunächst verschiedene Bekämpfungsmittel, darunter auch das biologische Insektizid Dipel ES. „Entschieden haben wird uns nach sorgfältiger Prüfung allerdings für Dimilin 80 WG, das sowohl für den Einsatz aus der Luft als auch vom Boden aus geeignet ist“, sagt Kreissprecherin Katrin Holzmann. Wirksam wird das Mittel im zweiten Larvenstadium, verhindert bei allen Eichenblatt fressenden Raupen die Häutung und damit den Übergang ins dritte Larvenstadium – die Phase, in der die Raupen giftige Härchen ausbilden und für den Menschen gefährlich werden können.

Viele Bürger fordern die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners schon seit langem, Umweltschützer wie der Kreisnaturschutzbeauftragte Axel Schlemann hingegen haben Bedenken. Seine Befürchtung: „Das Insektizid Dimilin tötet nicht nur den Eichenprozessionsspinner, sondern auch andere Insekten- und Schmetterlingsarten und richtet damit schwere Umweltschäden an.“ Eine Sorge, die in der öffentlichen Diskussion bisher kaum eine Rolle gespielt hat – mit der sich die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen allerdings schon Mitte 2012 beschäftigt hat.

Wörtlich heißt es in der Antwort der Bundesregierung zu den Gefahren des Insektizids: „Das Fraßgift ‚Dimilin‘ wirkt sich auf häutende pflanzenfressende Insekten und möglicherweise deren Fressfeinde“ aus. „Sehr giftig“ sei der Wirkstoff zudem für Gewässerorganismen, weshalb bei der Anwendung mit Hubschraubern Abstände von 100 Metern zu Oberflächengewässern eingehalten werden müssen. Daraus folgert die Bundesregierung: „Auswirkungen auf den Naturhaushalt müssen gegenüber den Folgen der Einwirkung der Schadorganismen bei Unterlassung der Behandlungsmaßnahme abgewogen werden“.

Genau das hat der Landkreis Lüneburg laut Sprecherin Holzmann in den letzten Wochen und Monaten getan, mit dem Ergebnis: Die Risiken für den Menschen überwiegen. „Die mikroskopisch kleinen Brennhaare des Eichenprozessionsspinners stellen eine gesundheitliche Gefährdung dar“, sagt Holzmann. „Vor allem aus dem östlichen Teil des Landkreises sind letzten Sommer mehr als 100 Erkrankungen gemeldet worden.“ Gleichwohl kennt auch der Kreis die Wirkung des Insektizids auf andere Eichenblatt fressende Raupen. „Und deshalb bringen wir es nur an ausgewählten Orten aus, wo die menschliche Gesundheit durch den Eichenprozessionsspinner besonders gefährdet ist.“

Grundlage der Bekämpfungsaktion ist eine Allgemeinverfügung des Landkreises mit einer Karte, die den Spinner-Befall aus dem vergangenen Jahr abbildet. Deutlich zu erkennen: Vor allem der Ostkreis mit den Gemeinden Amt Neuhaus, Bleckede, Dahlenburg, Ostheide und Scharnebeck ist betroffen. Dort wird die Bekämpfung voraussichtlich Ende April/Anfang Mai beginnen. „Den genauen Zeitpunkt bestimmen wir anhand eines Screenings, das wir gemeinsam mit den Forstämtern durchführen“, erklärt Holzmann. Die Kosten für die Aktion schätzt der Kreis grob auf 100 000 Euro, „allerdings ist die Zahl nicht belastbar, da wir noch keine Erfahrungswerte haben“.

Zum ersten Mal geht der Landkreis Lüneburg in diesem Jahr gegen den Eichenprozessionsspinner vor – wie erfolgreich, das muss sich zeigen. Der Bericht der Bundesregierung macht allerdings Hoffnung, dort heißt es: „Nach der Anwendung von Insektiziden in bestandsgefährdeten Eichenbeständen mit Helikoptern beruhigte sich das Schadgeschehen lokal.“ Lüneburgs Kreisnaturschutzbeauftragter Schlemann ist weniger zuversichtlich, er fürchtet, „dass der Einsatz nur einen geringen Effekt hat, aber große Kollateralschäden verursacht“.