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Doppeltes Glück im Unglück

off Garlstorf/Elbe. Das Glück im Unglück beginnt am Valentinstag um Viertel nach zwölf. Ernst-Otto Sievers will im Pferdestall nur kurz nach dem Rechten schauen, als er in einer Boxenecke das winzige Fohlen findet — vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Schnell merkt der 65-Jährige Garlstorfer, dass etwas nicht stimmt und stellt fest, dass die Stute keine Milch gibt. Was das bedeutet, weiß Sievers als erfahrener Pferdezüchter nur zu gut: Wenn das Fohlen überleben soll, muss er sein Leben in den kommenden Wochen auf den Kopf stellen und hauptberuflich vom Unternehmer zur Ersatzmutter werden. Was er nicht ahnt: Araberhengst Billy wird nicht das einzige Flaschenkind in seinem Stall bleiben.

Drei Wochen später wiederholt sich das Züchterpech, während Sievers und seine Frau Lilia noch immer um Billys Leben kämpfen, wird Bonny geboren. Auch zu früh. Auch von einer Stute, die noch keine Milch hat. Aus der einen Flasche, die die Garlstorfer alle zwei Stunden zubereiten, werden damit zwei, statt nur um eins, kümmern sie sich von jetzt an um zwei Sorgenkinder. Tag und Nacht dreht sich das Leben des Ehepaares nur noch um eine Frage: Überleben ihre Fohlen die nächsten 24 Stunden?

Sorgen macht Sievers vor allem der Erstgeborene — Hus“ten, Schnupfen und Durchfall quälen das Fohlen, lange kann es nicht allein stehen, schafft nur mit Mühe, den kleinen Kopf zu heben. „Ich dachte wirklich, er schafft es nicht“, sagt Sievers. Doch der Züchter unterschätzt das Kämpferherz des Winzlings. Billy hält durch und wartet eines Tages stehend auf seine Morgenportion Milch. Ein Moment, den Sievers nicht vergessen wird. „Da wusste ich: Jetzt schafft er es.“ Für den Züchter ein kleines Wunder.

Auch Tierarzt Dr. Enno Faber ist beeindruckt vom Lebenswillen des Hengstes. Denn oft genug schon hat er erlebt, dass Fohlen die Flaschenaufzucht nicht überleben, „vor allem dann nicht, wenn ihnen wie in diesem Fall die allererste Milch, die sogenannte Biest- oder Kolostralmilch fehlt“. Darin enthalten sind alle lebensnotwendigen Stoffe für Immunsystem, Stoffwechsel und ersten Stuhlgang. Fehlen sie dem Neugeborenen, drohen Infektionen wie die gefürchtete Fohlenlähme — und nicht selten der Tod.

Doch um Notfälle wie die Garlstorfer Fohlen auch ohne Biestmilch mit Abwehrstoffen versorgen zu können, kennt die Medizin einen Trick: den Plasmatransfer. „Dafür wird einem nicht verwandten Pferd Blut abgenommen, das zu Plasma aufbereitet und dem Fohlen per Infusion zugeführt wird“, erklärt Faber. Bei mehr als 100 Fohlen hat der Echemer das Verfahren schon angewendet und vielen von ihnen damit das Leben gerettet. Darunter auch Billy und Bonny. „Das hoffe ich zumindest“, sagt er.

Endgültig über den Berg sieht der Tierarzt die Flaschenkinder noch nicht, „der Kleine bekommt immer noch Antibiotika“, sagt er, „und die körpereigene Abwehr bildet sich erst nach vier bis acht Wochen aus“. Doch auch Dr. Enno Faber sieht eine „realistische Chance“ für die Fohlen, ihren Lebenskampf zu gewinnen. „Auch weil sie zu zweit und damit gut sozialisiert sind“, sagt er. Drei bis vier Monate noch müssen Ernst-Otto und Lilia Sievers sie mit der Flasche füttern, dann wollen sie ihre Schützlinge in die Eigenständigkeit entlassen und sich beim Schicksal bedanken — für das doppelte Glück im Unglück.