Dienstag , 27. September 2016
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Nur noch kurz die Welt retten

ca Lüneburg. Der Einzug der Grünen in den Bundestag war für Andreas Meihsies vor 30 Jahren Anlass, in die Partei einzutreten. Seitdem bestimmt er Politik in der Region mit, ist heute sogar einer der Bürgermeister der Stadt. ,,Damals begann ein Marsch durch die Institutionen“, erinnert sich der 53-Jährige. Doch das war er nicht nur für die zwei Dutzend Öko-Paxe, die in Bonn ins Parlament einzogen, sondern auch für Meihsies. Diskussionen um Atomkraft, Waldsterben, Verschmutzung der Nordsee und Robbensterben, das Wettrüsten zwischen Nato und Warschauer Pakt bewegten das Land — und auch Lüneburg.

,,Die Grünen waren die Umwelt-Partei überhaupt“, erinnert sich Meihsies. Ihn trieb die Sorge um die Robben um, mehr noch das Norsk-Hydro-Werk in Embsen. Abgase und Abwasser, die zu einem Fischsterben führten, beschäftigten eine Gruppe, die sich romantisch ,,Die Waldfreunde“ nannte. ,,Wir waren zwei Handvoll Leute. Andere sind in Umweltverbände gegangen, ich in die Politik. Mir war klar, man braucht eine Partei, um etwas bewirken zu können.“ Als er am Abend der Bundestagswahl ins Büro der Grünen Auf dem Meere kam, traf er nur ein paar Aktivisten.

Anfang der 80er-Jahre waren die Grünen erstmals in den Rat gekommen. Meihsies zog 1986 in das Gremium ein — und stieß auf Ablehnung: ,,Wir waren Anfeindungen ausgesetzt. Unsere Ideen wurden belächelt, die seien unwichtig.“ Doch die Grünen punkteten, sie lieferten beispielsweise Argumente, die den Bau einer neuen Landebahn des Luftsportvereins parallel zum Elbe-Seitenkanal scheitern ließen.

Nicht nur bei Sozialdemokraten schlug das Herz ziemlich weit links, sondern auch bei den meisten Grünen, von denen einige ihre Wurzeln in längst vergessenen kommunistischen Gruppen hatten. ,,Heute sind wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, bilanziert Meihsies, der im Rat zwar mit der SPD verbandelt ist, aber seit Jahren mit den Christdemokraten Dr. Bernd Althusmann und Eckhard Pols per Du ist.

Auf dem Marsch durch die Institutionen haben sich die Grünen Kanten abgeschliffen. Und mancher ging unterwegs verloren: Als die Grünen unter Joschka Fischer im Bundestag für einen militärischen Einsatz im Kosovo-Konflikt stimmten, verließen auch in Lüneburg alte Fahrensleute wie Helmut Dammann die Partei. Die Partei gab ein Stück ihres Pazifismus‘ auf und damit einen Kernpunkt der reinen Lehre.

Im Rat ritt Meihsies als Fraktionschef der Grünen scharfe Attacken, immer ein Widerpart des scheinbar übermächtigen SPD-Oberbürgermeisters Ulrich Mädge, der hinter vorgehaltener Hand in seiner Verwaltung und in der Politik gerne mal König Ulrich genannt wird.

Doch die beiden haben nach der Kommunalwahl 2011 einen Burgfrieden geschlossen. Immerhin haben die Grünen mehr als 29 Prozent geholt und damit die CDU überflügelt, sie sind zweitstärkste Kraft im Rat nach den Sozialdemokraten. Das war auch der Erfolg von Meihsies.

Schwierig für eine Partei, mit solchen Erfolgen umzugehen, die keine Helden mag und mit Frauen- und Neueinsteigerquoten Männern mit Karriereambitionen das Leben schwer macht. Seine Partei hat ihn nicht belohnt, nicht als Landtagskandidaten auf einen sicheren Platz der Landesliste gehoben. An die Leine wäre er gerne zurückgekehrt, eine Wahlperiode hat er dort verbracht. Genervt, wohl auch verletzt, hat er Ambitionen begraben und will sich auf die Stadtpolitik konzentrieren. Fragen dazu biegt er ab: ,,Ich breite meine Gefühlswelt nicht vor diesen Leuten aus.“

Manche der Grünen gerade im Kreis und der Lüneburger sind sich in herzlicher Abneigung verbunden. Das geht so weit, dass sich die Galionsfigur der Kreis-Grünen und Landtagsabgeordnete Miriam Staudte und Meihsies bei einer Anti-Atom-Demo in Sachen Fukushima zur Begrüßung nicht einmal mehr die Hand schütteln — aber allen anderen.

Das Thema schiebt er zur Seite, Meihsies verweist lieber auf Erfolge. Einen der größten sieht er darin, mitzuregieren. Den Vorwurf, zu sanft mit der SPDumzugehen, kontert er: Intern spreche man Klartext. Und das politische Leben gehe weiter. Wie schaut es in 30 Jahren aus? Meihsies lacht: ,,Da ist die CDU unser Juniorpartner.“