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Die Glöckner von St. Michaelis

ord Lüneburg. Üben ist nicht. Wenn die Musikschüler von St. Michaelis auf ihrem Instrument spielen, hört das die ganze Altstadt. Der Nachwuchs ohne Probenräume gehört zur Glöckner-Gilde von St. Michaelis, ihre Instrumente sind neun Glocken, jeweils zwischen 400 Kilogramm und 1,8 Tonnen schwer.

Ein DIN-A4-Papier als Merkzettel drückt Kirchenkantor Henning Voss jedem in die Hand, der sich die 30 Meter aufmacht hinauf in den Turm. Denn Glöcknern ist Handarbeit. „Als Erstes müssen wir zum Sicherungskasten“, sagt Uli Wartemann, einer der Nachwuchsglöckner. Der 62-Jährige muss die Elektrik ausschalten, damit nicht auf einmal die Stundenglocke losdonnert, während einer von ihnen gerade das Seil um den Klöppel wickeln will, um anschließend per Hand für den Schlag zu sorgen – respektive per Hebel.

Denn das Seil endet nach einigen Umlenkrollen an großformatigen Holztasten: Hebeln. Wird einer davon nach unten gedrückt, zieht das Seil den Klöppel der dazugehörigen Glocke, bis er gegen die mächtige Bronzewand schlägt. Und ordentlich Schall erzeugt – Uli Wartemann stellt sich daher nur mit Hörschutz an die Tastatur. „Ich war richtig scharf darauf, das zu lernen“, sagt er. „Es ist ein erhabenes Gefühl.“ Während per Knopfdruck von unten aus die ganze Glocke in Schwung gebracht wird, ist das beim handgemachten Spiel der Klöppel. Der muss ordentlich Kraft haben, schließlich sind die Bronzeglocken schwere Kolosse.

Seit etwa 1490 existiert das Glockenspiel in seinen Anfängen – und seitdem gibt es Glöckner an St. Michaelis. Insgesamt neun Glocken lassen sich per Seil spielen, eine davon – in Bienenkorbform – aus dem Jahr 1200. Älter als die Kirche selbst, stammt die sogenannte Burgglocke aus dem Vorgängerbau auf dem Kalkberg. Als die Kirche in die Altstadt umgezogen war, goss der Niederländer Gerhard van Wou 1491 zwei weitere Glocken für St. Michaelis II.

„Dass das große Geläut einer Kirche per Hand zu spielen ist und die neun Glocken dann auch noch eine Tonleiter bilden, ist eine echte Rarität“, sagt Kantor Henning Voss (45). Der jahrzehntelange Michaelis-Glöckner Herbert Lühr hat in den 60er-Jahren sogar geschrieben: eine deutschlandweite Rarität. Sein Amt hat er 2011 im Alter von Anfang 90 aufgegeben, sein Sohn Wolfgang, ebenfalls nach Jahrzehnten, auch.

Wurde das Glöckneramt einst vererbt – der Namensteil „bell“ weist darauf hin -, musste die Gemeinde des 21. Jahrhunderts zu moderneren Mitteln der Rekrutierung greifen: Voss fragte einfach in der Kantorei nach Freiwilligen, die Lust auf ein Instrument haben, das die ganze Altstadt hört, wenn sie es spielen. Als Annette Israel (49) das von ihrer Tochter erfuhr, wusste sie: Ihr geht ein Lebenstraum in Erfüllung. „Einer davon war ein Fischteich“, erzählt die Schulpastorin. „Das wird nichts mehr. Ein anderer war, Kirchenglocken zu spielen.“

So entspannt wie das Sitzen an einem Fischteich ist ihr erfüllter Lebenstraum allerdings nicht. Im Gegenteil. „Total aufregend“ sei das. Abwechselnd mit den anderen Nachwuchsglöcknern steht Annette Israel 30 Meter über der Gemeinde an neun großen Holzhebeln und spielt zu Festgottesdiensten Choräle – und zwar nach Zahlen. Auf dem vergilbten Papier in der ledernen Glöcknertasche aus den 40er-Jahren sind mit Tinte keine Noten geschrieben, sondern Ziffern. Eine fette Zahl bedeutet eine halbe Note, eine normale eine Viertel, eine dünne eine Achtel. Eine Eins ist eben Glocke Nummer eins.

Ganz so simpel ist das Spiel mit jahrhundertealten Glocken aber nicht. Die alten Damen brauchen Ruhe, wer zu schnell die Hebel drückt, scheitert. Der Klang von Glocke acht aus dem Jahr 1200 passt nicht recht in die Tonleiter, Nummer sechs lässt sich nur schwer anspielen.

Außerdem müssen sich die Glöckner bei der Arbeit sputen: Nach den ersten Chorälen befreien die Kirchenmusiker der etwas anderen Art zügig die Glocken neun und zehn von ihren Seilen und schließen sie wieder ans Stromnetz an – sonst wär’s zum Vaterunser in der Kirche still. Und sobald das Handy oben im Glockenstuhl klingelt und der Küster Bescheid gibt, dass der Gottesdienst beendet ist, muss wieder umgestellt sein auf manuellen Betrieb: für die Schlusschoräle.

Jüngste Musikschülerin der Glöckner-Gilde ist Anna-Lena Bulgrin mit 28. Die angehende Lehrerin ist direkt gegenüber aufgewachsen – mit den Glockenschlägen im Ohr. „Ich habe das immer genossen, wache nur vom großen Geläut am Sonntagmorgen auf“, sagt sie. „Ansonsten ist es eher so, dass ich schlecht schlafen kann, wenn die Glocken wegen eines Defekts mal nicht läuten.“ Und wenn sie jetzt selbst am Hebel steht, dann stellt sie sich eines lieber nicht vor: Dass die ganze Nachbarschaft ihr zuhört.