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Heldenmädchen der Stadt

rast Lüneburg. Zehn Jahre lang wurden die Lüneburger geknechtet, erlebte die Stadt die französische Herrschaft. Als im März 1813 nach der Niederlage der Franzosen in Russland eine allgemeine Volkserhebung im Norden Deutschlands ausbrach, fackelten die Lüneburger nicht lange: Sie jagten die Franzosen aus der Stadt. Die Freude der Bürger währte nicht lange, schon Ende März mussten sie vor der mit großer Übermacht heranrückenden Armee von General Morand zurückweichen. Am 2. April 1813 kam es zur entscheidenden Schlacht, gleichzeitig dem ersten Sieg der deutschen Befreiungskriege. Und den Sieg schreiben viele maßgeblich einer damals 20-Jährigen zu: Johanna Stegen, dem „Heldenmädchen von Lüneburg“.

Wurde vor 50 Jahren der Gedenktag noch groß in Lüneburg gefeiert, spielt er in diesem Jahr keine offizielle Rolle. Dennoch werden zwei Menschen am 2. April ein Gesteck zu Ehren von Johanna Stegen am Denkmal an der Egersdorffstraße niederlegen: Ihr Ururenkel Waldemar Hintersin und seine Frau Bärbel aus Handeloh im Kreis Harburg. Dass es keine offizielle Veranstaltung gibt, begründet Stadtsprecher Daniel Steinmeier so: „Die Stadt ist sich der Geschichte Johanna Stegens bewusst. Allerdings hat sie gerade erst 50 Jahre Elysée-Vertrag und die Aussöhnung mit Frankreich gefeiert – da passt es nicht, an 1813 zu erinnern.“

Das Denkmal von Bildhauer Karl Gundlach, errichtet 1913, und ein Straßenname erinnern in Lüneburg an die Heldin, auch Stadtführerinnen in historischen Kostümen erzählen die Geschichte der am 11. Januar 1793 in Lüneburg geborenen Frau. Eine Geschichte, die Waldemar Hintersin wie schon sein Vater Fortunat Hindersin erforscht haben. Eine der wesentlichen Quellen dabei ist ein Buch von Prof. Dr. Hans Ferdinand Maßmann, das 1863 in Lüneburg erschien und auf mündlichen wie schriftlichen Berichten des Stettiner Bankdirectors Hindersin beruht, dem ältesten Sohn von Johanna Stegen. Geschildert wird das Geschehen so:

Als General Morand attackierte, hatten die Befreiungstruppen einen harten Stand, namentlich die preußischen Füsiliere des v. Borck’schen Bataillons. Als deren Munition zur Neige ging, tauchte bei ihnen plötzlich ein Mädchen in einfacher bürgerlicher Tracht auf. Laut Maßmann trug sie in ihrer Schürze gerade das, „was sie am nöthigsten brauchen – Patronen, die es aus einem umgestürzten Munitionswagen aufgesammelt hatte. Auf weitere Nachfrage läuft sie selbst wieder dorthin und bringt, so viel sie nur tragen kann. Dreimal, nach anderer Angabe sogar fünfmal, legt sie in augenscheinlichster Lebensgefahr den Weg zurück und bleibt, obgleich ihre Kleidung mehrfach durchlöchert wurden, mitten im Kugelregen unverletzt, bis der Fall des feindlichen Anführers General Morand den Sieg zu einem vollkommenen machte.“ Von den Kämpfern kannte keiner das Mädchen, ihr rötlich-blondes Haar aber war allen aufgefallen – und durch dies wurde die Tochter von Sülzvogt Peter Daniel Stegen erkannt, als sie sich in der Stadt um Verletzte kümmerte.

Der erste Sieg war aber nur von kurzer Dauer, denn schon am nächsten Tag zogen sich die Verbündeten vor einer 6000 Mann starken Truppe des französischen Generals Montbrun zurück, Stegen schwebte bis zum 16. September in Lebensgefahr, da verließen die Franzosen endgültig Lüneburg. Mehrmals entging sie den nach ihr suchenden Häschern wie durch ein Wunder. Am 18. September besetzte General Tettenborn Lüneburg und bat das Mädchen an seine Tafel, stellte es den Anwesenden als würdigen Kampfgenossen vor. Bei dem Essen lernte Johanna Stegen auch Major v. Reiche kennen, den Führer eines Bataillons freiwilliger Jäger. Mit ihm und seiner Gemahlin ging sie nach Berlin.

Waldemar Hindersin erzählt die weitere Geschichte: „In Berlin verlobte sie sich mit meinem Ururgroßvater, dem preußischen Unteroffizier Wilhelm Hindersin. Er war ein Zeichner und fand nach seinem Abschied als Feldwebel 1816 eine Anstellung im neu errichteten, seinem Gönner Major v. Reiche unterstellten königlichen lithographischen Institut, war technischer Leiter der Anstalt, also königlicher Oberdrucker im Kriegsministerium.“ Die Hochzeit von Johanna Stegen und Wilhelm Hindersin fand am 28. September 1817 statt.

25 Jahre lebten beide glücklich miteinander und zogen ihre vier Kinder groß, bis Johanna Stegen am 12. Januar 1842 einem Herzleiden erlag. Laut ihrem Ururenkel ist sie auf dem Berliner Friedhof Zehlendorf begraben. Wilhelm Hindersin heiratete 1846 ein zweites Mal und starb laut dem Historiker Maßmann am 31. Januar 1863. Wo Wilhelm bestattet wurde, weiß sein Ururenkel allerdings nicht.