Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Sie schickt der Himmel

off Garlstorf/Elbe. Es ist Sonntagmorgen, kurz nach 10 Uhr. In der Garlstorfer Dorfkirche tritt Karin Wojanowski ans Pult, eine Frau Anfang 60, blond, in schlichtem schwarzem Hosenanzug und schneeweißer Bluse. Als die letzten Töne des Orgelvorspiels verklingen, atmet sie noch einmal tief durch, bittet Gott um Beistand, strafft die Schultern und tut, was sie sich früher nie zugetraut hätte: Karin Wojanowski eröffnet den Gottesdienst, ihren Gottesdienst. An diesem Morgen tritt sie an die Stelle des Pastors, predigt, singt und segnet als Prädikantin im offiziellen Auftrag der Kirche. Ein Ehrenamt, ohne das das Garlstorfer Gotteshaus geschlossen geblieben wäre – denn einen eigenen Pastor hat die Kirchengemeinde schon seit Jahren nicht mehr.

Insgesamt 30 Kirchen gibt es im östlichen Teil des Landkreises Lüneburg, im Einsatz sind dort elf Pastoren, „zu wenig, um jeden Sonntag in jeder Kirche einen Gottesdienst anbieten zu können“, sagt Superintendent Christian Cordes. Dreieinhalb Stellen sind allein seit 2009 abgebaut worden, „bis dahin hatte zumindest noch jede der 15 Kirchengemeinden ihren eigenen Pastor“. Doch demografischer Wandel, sinkende Mitgliederzahlen und immer weniger finanzielle Mittel verändern Kirche – vor allem auf dem Land. Pastoren allein können die Gottesdienstkultur auf den Dörfern nicht lebendig halten. „Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, sich für Kirche einzusetzen“, sagt Cordes. Menschen wie Karin Wojanowski.

Die Barumerin ist 48 Jahre alt und voll berufstätig, als ihr Gemeindepastor sie überredet, sich zur Lektorin ausbilden zu lassen. „Eigentlich wollte ich das nicht“, sagt sie, „mich da vorne hinzustellen und zum Affen zu machen.“ Trotzdem macht sie die Ausbildung, „vielleicht, weil ich nicht Nein sagen konnte, vielleicht, weil mir keine passende Ausrede eingefallen ist“. Schnell ist es auch egal. In Wochenend- und Kompaktkursen lernt Karin Wojanowski Gottesdienste zu leiten, die passende Lesepredigt auszuwählen, Gebete und Fürbitten zu erarbeiten, Lieder auszusuchen – und sich selbst zu überwinden. Für die Zahnarzthelferin, die ihr Leben lang schüchtern war, die schwierigste Lektion.

Im Dezember 1999 wird Karin Wojanowski offiziell ins Lektorinnenamt eingeführt. Sieben Jahre lang leitet sie daraufhin Gottesdienste in ihrer Heimatgemeinde Sankt Dionys, liest Dutzende Predigten aus der Feder von Pastoren vor und merkt: „Es ist vor allem die Auseinandersetzung mit den Bibeltexten, die mir Freude macht.“ Selbst darf sie als Lektorin keine Predigten schreiben, allenfalls die Lesevorlagen ein wenig verändern. Erst 2006, durch gutes Zureden eines befreundeten Pastors, entscheidet sich Karin Wojanowski, ihre eigenen Predigten zu schreiben – und dafür die Ausbildung zur Prädikantin zu absolvieren.

Was sie erwartet, ahnt die Barumerin nur. „Hätte ich es gewusst, hätte ich die Ausbildung vielleicht gar nicht erst angefangen“, sagt sie. Mehr als ein Dutzend Wochenendlehrgänge in den ersten beiden Lehrjahren, unzählige Bücher, die gelesen und gelernt werden müssen, die Aufregung vor den Tests, die Angst, die eigenen Predigten vorzulesen, das Herzrasen, als ihre Gottesdienste im dritten Lehrjahr beurteilt werden, die Selbstzweifel, nicht gut genug für die Aufgabe zu sein. „Das war Stress“, sagt sie, die zusätzlich zu 40 Stunden Arbeit in der Zahnarztpraxis damals noch ihren schwerbehinderten Sohn betreut. Warum sie trotzdem durchgehalten, soviel Anstrengung für ein Ehrenamt auf sich genommen hat? Karin Wojanowski fällt keine Antwort ein, kein Satz wie: „Weil ich es für Gott getan habe“. Nur: „Ein paar Mal habe ich überlegt, abzubrechen. Und es dann doch nicht getan.“

Fast vier Jahre ist die 63-Jährige heute Prädikantin, eine von vier Laienpredigern im Kirchenkreis Bleckede, die in den 15 Kirchengemeinden Gottes Wort verkündet. Nach wie vor sei es vor allem die Vorbereitung, die ihr Spaß macht, sagt sie, das intensive Nachdenken über die Bibeltexte, das Schreiben der Predigt. „Klar, frage ich mich auch heute noch, ob es richtig ist, was ich den Menschen da erzähle“, sagt sie. Doch Karin Wojanowski hat gelernt, mit den Selbstzweifeln umzugehen. „Heute sage ich mir: Wenn es den Leuten nicht gefällt, müssen sie mich nicht nochmal fragen.“ Und bisher haben alle wieder angerufen.

Eine Woche lang bereitet sich die Barumerin auf einen Gottesdienst vor, im Einsatz ist sie normalerweise ein-, manchmal auch zweimal im Monat. Dafür bekommt sie zwölf Euro Aufwandsentschädigung pro Gottesdienst, dazu Fahrtgeld ab dem zehnten Kilometer. Wirtschaftlich ein Minusgeschäft für die Frührentnerin – und am Ende trotzdem ein Gewinn. Warum, kann Karin Wojanowski schwer in Worte fassen. „Es macht mir einfach Freude“, sagt sie. Den Menschen, die etwas hören wollen von Gott, die Worte der Bibel zu erklären. Und sonntags da zu sein, ans Pult zu treten und einen Gottesdienst zu eröffnen – in einer Kirche, die ohne sie an diesem Tag geschlossen geblieben wäre.