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Abenteuer deutsche Ostern

off Echem. In Lüneburg ist Hikaru Kojima zum ersten Mal mit Nagellack zur Schule gegangen. Sie hat zum ersten Mal Ohrringe im Matheunterricht getragen und dabei zum ersten Mal neben einem Jungen gesessen. Seit September wohnt die 17-jährige Austauschschülerin aus Japan bei Familie Lickfett in Echem, besucht die Wilhelm-Raabe-Schule in Lüneburg – und erlebt mehr als 9000 Kilometer Luftlinie von Zuhause entfernt eine Premiere nach der nächsten. Ihr jüngstes Abenteuer: Ostereier bemalen. Für Hikaru Kojima ein völlig unbekannter Brauch für ein durchaus vertrautes Fest.

Als Katholikin kennt die 17-Jährige Ostern von Zuhause, „dort sammeln wir Ostereier im Wald neben der Kirche“, sagt sie. Völlig neu ist ihr hingegen, dass Hühnereier vor den Feiertagen ausgepustet und angemalt werden. Oder dass gekochte Eier zum Osterfest bunt eingefärbt werden. Eine Premiere ist für die Japanerin außerdem, vor Ostern zu fasten. Ein Brauch, der in ihrer Gastfamilie Tradition hat. Fünfeinhalb Wochen verzichten alle Lickfetts auf eine Speise, die ihnen besonders am Herzen liegt. Gasttochter Hikaru Kojima hat sich für Süßigkeiten und Chips entschieden, ein Opfer als Erinnerung an Jesus, der 40 Tage lang fastend und betend in der Wüste verbrachte. Und eine Erfahrung mehr für die Japanerin, die sie im Juli mit nach Hause nehmen wird.

Auf viele deutsche Traditionen und Gewohnheiten hat sich die Unternehmer-Tochter vor ihrer Abreise in Japan vorbereitet. „Und trotzdem gibt es in diesem Land so viele Überraschungen“, sagt sie. Eine der ersten nach ihrer Ankunft vor sechs Monaten: „Es gibt in Deutschland keine Erdbeben.“ Neu war ihr außerdem, „dass hier so viel miteinander diskutiert wird“. Und dass sich die Menschen doch nicht, wie erwartet, ständig in den Armen liegen. Das meiste an Deutschland habe sie allerdings positiv überrascht. „Es ist schön hier“, sagt Hikaru. Manchmal sogar schöner als in ihre Heimat.

„Hier ist die Landschaft schön grün und frei“, sagt sie, „nicht so hässlich und mit so vielen Gebäuden wie in Japan.“ Gemeinsam mit ihren Eltern und einem Bruder lebt Hikaru zwei Zugstunden entfernt von Yokohama, in einem Dorf, sagt sie, mit 30 000 Einwohnern. Dort steht sie jeden Morgen um 5.30 Uhr auf, fährt zwei Stunden zur Schule, hat Unterricht von 8 bis 15 Uhr, danach Schulprogramm bis 18.30 Uhr, fährt zwei Stunden zurück nach Hause, isst Abendbrot, macht Hausaufgaben und fällt um 23.30 Uhr todmüde ins Bett. Es ist ein weiterer Unterschied, um den Hikaru die Deutschen beneidet: „Hier gibt es so viel mehr Freizeit“, sagt sie. „Und in der Schule viel, viel mehr Freiheit.“

In Yokohama besucht die 17-Jährige eine reine Mädchenschule, dort darf sie sich nicht schminken, sich nicht die Haare färben oder die Finger lackieren, weder Armreifen noch Ohrringe tragen. „Wir sollen nicht auffallen“, erklärt sie, „uns nicht schön machen.“ Vielleicht mit ein Grund, warum junge Japanerinnen wie Hikaru schon als Schüler gerne ins Ausland der neuen Möglichkeiten wollen. In ihrem Jahrgang haben dieses Jahr zwölf von 180 Mädchen einen Platz ergattert, ganz oben auf ihrer Wunschliste: die USA und Deutschland.

Hikaru hat sich für ein Auslandsjahr in Deutschland beworben, „weil sich die Sprache so intelligent anhört“, sagt sie, „und weil ich Fußball-Bundesliga- und Schalke-04-Fan bin“. Bereut hat sie diese Wahl bisher nicht, auch wenn es eine Sache gibt, um die die 17-Jährige ihre Familie in Japan vor allem an diesem Wochenende beneidet: Ostereiersammeln bei Sonne und lauschigen 24 Grad.