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Als Lüneburg am Meer lag

ca Lüneburg. Es klingt fast ein bisschen gespenstisch, was Thietmar von Merseburg beschreibt: „In einer Stadt des Herzogs Bernhard, genannt Lüneburg, entstand eine merkwürdige Veränderung der Luft und eine Bewegung und ein ungeheurer Erdspalt.“ Ähnliches will ein Augenzeuge „niemals zuvor geschaut“ haben. Was der geistliche Chronist da in seiner im Jahre 1012 begonnenen Geschichtserzählung notiert hat, bezieht sich auf die Altstadt und eine Straße mit einem träumerischen Namen, den man eher an der Küste vermutet: Auf dem Meere. 1013 soll es dort zu einem aus der Lüneburger Geschichte immer wieder bekannten Erdfall gekommen sein. In diesem Jahr kann die Gasse, die sich von Michaelis fast bis zum Rathaus zieht, also eine Art Geburtstag feiern – nämlich ihren 1000.

Für den Stadtarchäologen Dr. Edgar Ring zählt die Chronik Thietmar von Merseburgs zu den wichtigsten zeitgenössischen Quellen aus der Zeit der Ottonen, der sächsischen Könige und Kaiser zwischen 919 und 1024. Doch nicht nur dort findet sich ein Hinweis auf das Ereignis, das weit über den Landstrich hinaus Beachtung fand. In den Quedlinburger Annalen heißt es: „Auch öffnete sich auf dem Lüneburger Berge eine fürchterliche Erdspalte, welche der Kirche den Einsturz drohte und den von Furcht ergriffenen Einwohnern für den Augenblick alle Hoffnung auf diesen Zufluchtsort nahm.“

Damit dürfte die erstmals 1106 erwähnte Cyriakuskirche gemeint sein, die wahrscheinlich in Höhe des Kindergartens der Lebenshilfe auf dem festen Grund des Kalkbergsockels stand. Denn Michaelis gab es zu dieser Zeit noch nicht an der heutigen Stelle, und der Kalkberg, auf dem die Burg des Landesherren und das Michaeliskloster thronten, hatte wesentlich größere Ausmaße als heute. Er schrumpfte durch den Gipsabbau. Ring macht auf ein Problem dieser Interpretation aufmerksam: Zwischen diesem Punkt und der Kreuzung Auf dem Meere/Hinter dem Brunnen/Ohlinger Straße liegen rund 300 Meter Luftlinie Entfernung. Stellt sich die Frage: Passen Name und Ort zusammen?

Offenbar muss sich die aufgerissene Erde mit Grundwasser gefüllt haben, Zeitgenossen fühlten sich an ein Meer erinnert. Stadtchronist Wilhelm Reinecke notiert in seinen 1914 erstmals erschienenen „Straßennamen der Stadt Lüneburg“, dass der Straßenzug allerdings erst rund 300 Jahre später namentlich auftaucht, nämlich als „in mari“. Doch ob die Erdspalte tatsächlich Pate für den maritimen Namen gegeben hat, daran hegte der Wissenschaftler Zweifel: „Er könnte auch aus der bloßen Erfahrung entstanden sein, dass jene Gegend vor Durchführung der Kanalisation nach heftigen Regengüssen allemal lange Zeit unter Wasser zu stehen pflegte.“

Ilse Blumenbach wohnt mit ihrem Mann Arno Auf dem Meere. In ihrem uralten Haus steht fast ständig Wasser im Keller, das drücke aus der Tiefe empor. Wenn es viel geregnet habe, stieg es in früheren Jahren knöchelhoch – Gummistiefel waren gefragt. Zwei Pumpen lassen das Meer nun in Pfützenformat schrumpfen. Die 79-Jährige kennt das Viertel im Schatten von Michaelis noch aus ihrer Kindheit, sie glaubt, dass sich der Boden in den vergangenen Jahrzehnten noch weiter abgesenkt hat. Dass es vor 1000 Jahren einen Erdfall gab, hält sie für sehr wahrscheinlich. Sie vermutet, dass er zwischen Auf dem Meere und Auf der Altstadt lag: „Dort liegen Gärten zwischen den Häusern, der Boden ist noch heute feucht.“ Das liege wahrscheinlich am hochstehenden Grundwasser.

So bleibt die genaue Lage des Erdfalls am Ende unklar, irgendwo mag es ihn gegeben haben sowie Dutzende weitere, die in alten Dokumenten erwähnt werden. Doch keiner bleibt mit so einem Namen in Erinnerung, der in engen Gassen der Backsteinhäuser nach salziger Gischt und Weite klingt: Auf dem Meere.