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Gassenhauer zum Gebet

ord Reppenstedt. Als Henning Hinrichs vor drei Jahren seine Kirchengemeinde in Reppenstedt übernahm, da gab es noch einen Seniorennachmittag. Allein: Kaum einer kam. Heute ist der Saal beim „Nachmittag für Menschen ab 65 und darunter“ jedes Mal voll. Der Grund ist nicht nur der neue Titel – es sind auch die Gassenhauer, die Hinrichs mit seinem gleichnamigen Trio regelmäßig zum Besten gibt.

Seniorennachmittag – schon den Namen empfindet der 46-Jährige als abschreckend. „Meine Eltern sind selbst Mitte 70 und würden sich niemals als ,Senioren‘ bezeichnen.“ Nun lockt ein neuer Name allein freilich nicht regelmäßig 40 bis mehr als 100 Menschen in einen Gemeindesaal. Es ist in erster Linie das Programm.

Und das ist meistens lustig. Hinrichs selbst hat mit der Organistin und dem ehemaligen Posaunenchorleiter eine kleine Band gegründet, die mittlerweile auch außerhalb der Kirchengemeinde angefragt wird: das „Gassenhauer-Ensemble“.

Selbige Songs aus den 1920er-Jahren singen und spielen die drei auch: vom „Kleinen grünen Kaktus“ über „Ich wollt‘, ich wär ein Huhn“ und „Veronika, der Lenz ist da“ bis „Ein Freund, ein guter Freund“ inklusive Witz und Frivolität in den Texten.

„Humor soll in der Kirche keinen Platz haben? Das ist Quatsch. In der Kirche haben alle Lebensäußerungen ihren Platz“, findet der Pastor – der im Übrigen nicht nur mit den „Gassenhauern“ seine Zuhörer zum Lachen bringt, sondern auch mit dem ein oder anderen Witz am Anfang seiner Predigt. „Wer erst einmal gemeinsam gelacht hat, hat eine Basis, auf der später auch andere Themen angegangen werden können.“

Die große Chance von Humor sieht der 46-Jährige darin, Kirche auf diesem Weg als einen ganz normalen Lebensraum darzustellen. Zu zeigen, dass dort nicht nur Ältere sind. „Sondern, dass es Spaß machen kann, dorthin zu gehen. Dass es einen Mehrwert gibt, dass dort sämtliche Lebensbereiche und Gefühlsregungen ihren Ort haben – nicht nur Alter und Tod.“ Grenzen sieht der Pastor bei bösem Humor, bei Diffamierungen: „Das würde auch nicht zur christlichen Botschaft passen.“

Humor tut in der Kirche gut, findet auch Lüneburgs Superintendentin Christine Schmid: „Ich spüre, dass Menschen gerne während einer Predigt etwas zu lachen haben. In der Seelsorge haben wir das Lachen wieder entdeckt. Es ist ein heilsames Gegengewicht zu Ängsten und Sorgen. In der Bibel heißt es: ,Wenn wir erlöst werden, wird unser Mund voll Lachen sein.'“ Allerdings brauche Humor auch eine Ethik: „Lachen geht nur, wenn dabei kein anderer eingeschüchtert wird. Und wenn damit nicht Trauer oder Leiden verdrängt werden. Zum Menschsein gehört Beides: Lachen und Weinen.“ Dass Henning Hinrichs richtig liegt mit seinem Konzept, Kirche über Humor als einen „ganz normalen Lebensraum“ darzustellen, beweisen die Erhebungen der Gemeinde.

Vor drei Jahren kamen im Jahresmittel durchschnittlich 113 Menschen zum Gottesdienst, im vergangenen Jahr waren es 138. Hinrichs sind die Zahlen wichtig, er hat eine Tabelle im Computer dafür angelegt. Das Konzept geht offenbar auf, der Mehrwert wird erkannt und wahrgenommen. Der kann sich auch mal in einem Spaghetti-Essen nach dem Gottesdienst zeigen – das nicht nur gut schmeckt, sondern auch Menschen nach der Predigt im Gemeindehaus bleiben lässt, die ansonsten vermutlich einfach nach Hause gegangen wären.

Die „Gassenhauer“ des Pastors Henning Hinrichs und seines Trios sind in Reppenstedt mittlerweile so beliebt und berühmt, dass sie auch außerhalb der örtlichen Kirchengemeinde gebucht werden. Beispielsweise am Mittwoch, 3. April, zwischen 15.30 und 16.30 Uhr singen sie beim „Seniorennachmittag“ der Michaelis-Gemeinde in Oedeme, Werner-von-Meding-Straße 2.