Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Verdammt gute Schnüffle

ca Lüneburg. Nur einen Moment hatten die Eltern im Adendorfer Möbelmarkt ihr Kind aus den Augen gelassen. Es saß in einem Einkaufswagen, was soll da schon geschehen? Dann der Schock: Die Kleine ist entführt worden. Scheinbar spurlos verschwunden. Doch Helfer sind sich sicher, es gibt Spuren, und sie wissen auch, wer sie findet: Gaya, eine dreieinhalb Jahre alte altdeutsche Schäferhündin. Mantrailer heißen diese speziell ausgebildeten Vierbeiner, die Übersetzung aus dem Englischen heißt so viel wie Mensch und verfolgen. Das Szenario war Ausgangslage für eine Übung der DRK-Rettungshundestaffel Hamburg. Drei Tage lang übten ehrenamtliche Hundeführer aus ganz Deutschland an Ostern mit ihren Tieren rund um Lüneburg.

Die Medizinerin Dr. Christine Schüler zählt zum Leitungsteam der Gruppe. Sie hatte zwei ehemalige Polizisten aus Detroit, John Salem und Jeff Schettler, für das Seminar an die Ilmenau geholt. Beide haben in der amerikanischen Großstadt Tausende Einsätze mit ihren Partnern mit der kalten Schnauze absolviert. Erfolg reklamieren die Profis nur, wenn sie die Person, ein Tatwerkzeug oder ein Kleidungsstück des Vermissten finden.

Christine Schüler erklärt, dass Hunde auf das Wahrnehmen von Gerüchen geschult werden können: Sprengstoff, Brandbeschleuniger, Drogen und eben Menschen. Doch während sogenannte Trümmerhunde etwa nach einem Erdbeben unter eingestürzten Häuser Vermisste riechen, haben die Mantrailer ihre hochempfindliche Nase noch weiter verfeinert: Sie suchen nach bestimmten Personen.

So wie jetzt Gaya. Ein Schal des Opfers ist zunächst der entscheidende „Spurenträger“. Hundebesitzerin Nina Schirwat lässt Gaya schnüffeln. An einer langen Leine läuft Gaya los, einen Weg entlang: Zuerst findet sie den Einkaufswagen, in dem das Kind saß, dann sucht sie weiter, läuft hier hin und dahin, zurück in die Straße eines Wohngebiets, schließlich entdeckt sie das „verschwundene Kind“. Damit nicht genug, auch den Täter wollen die Helfer finden. Tatsächlich: Minuten später und ein paar Hundert Meter weiter, stöbert Gaya den „Bösewicht“ an einer Fabrikhalle auf.

Doch wie schaffen Hunde es, unsichtbaren Spuren zu folgen? Dr. Schüler und Salem erklären es so: Der Mensch „gast“ sozusagen ständig aus, setzt Duftmarken. Zudem verliert er pro Minute bis zu 40 000 feine Hautschuppen. Wind trägt Gerüche in die Luft, lässt Hautschuppen auf den Boden rieseln. Genug olfaktorisches Material für die sensible Hundenase. Ihr Spieltrieb fordert aber eine Belohnung – und zwar sofort: Deshalb lässt Nina Schirwat Gaya nach deren Erfolgen mit deren Lieblingsball toben und lobt ihre Freundin ausgiebig.

Die 34-Jährige, die im Rhein-Sieg-Kreis als Polizistin arbeitet, allerdings nicht als Hundeführerin, macht seit Jahren in einem ehrenamtlichen Suchteam mit. Nach Lüneburg ist sie gekommen, um noch mehr über Hunde und den Umgang mit ihnen zu erfahren. Genauso wie die Thüringerin Annette Hartig. Die 48-Jährige hat ihren riesigen Bloodhound Armin an der Leine: „In der Ausbildung gibt es immer neue Aspekte.“

Die zwölf Hundeführer lernen, wie sie die Körpersprache ihre Hundes „lesen“, also etwa die Stellung von Ohren und Schwanz, um zu wissen, ob sie auf der richtigen Fährte sind. Sie wissen, dass ihr Tier maximal 24 Stunden zielsicher nach dem Geruch fahnden kann, doch am besten ist die Zeit von sechs bis zwölf Stunden nach dem Vermisstwerden.

Dass sie gebraucht werden, berichtet der Lüneburger Dieter Hasse. Er kommt am Übungstag aus Hanstedt, wo er mit der Lüneburger DRK-Staffel nach einer Rentnerin gesucht hat: „Leider ohne Erfolg.“ Auch damit müssen die ehrenamtlichen Profis leben: Manchmal reichen die Spuren einfach nicht aus.