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Einbruch ohne Täter

ben/ina Lüneburg. Am Uni-Standort Volgershall wirkt die Vergangenheit ganz konkret ins Hier und Jetzt: Ein zwei Meter tiefes Loch klafft im Boden hinter einem Bauzaun auf der Rückseite der Mensa – und gibt den Blick frei auf einen alten Schacht, der im 19. Jahrhundert für den Bergbau genutzt wurde. Die Universität hat den Schacht abgesperrt und berät mit Gutachtern des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie „über die am besten geeignete Methode einer Verfüllung, die kurzfristig erfolgen soll“, erklärt Leuphana-Sprecher Henning Zühlsdorff. Bei der Frage nach der Ursache für den Einbruch der Abdeckung verweist er auf ein ausstehendes Gutachten: „Wir wollen nicht spekulieren.“ Aber in einem Punkt ist sich der Uni-Sprecher ganz sicher: „Eine Gefährdung für das Gebäude ergibt sich daraus nicht.“

Der Uni-Standort Volgershall steht zur Disposition, die Leuphana will sich konzentrieren auf die Gebäude am Wilschenbrucher Weg und den Campus Scharnhorststraße, wo auch das neue Zentralgebäude entsteht. Schon heute hat sich in Volgershall das Jobcenter eingemietet. Die Einnahmen, eventuell auch durch einen Verkauf, dienen der Finanzierung des Libeskind-Baus. Dass der jetzt offene alte Schacht nur einer von dreien ist, ein Stollen unter dem Universitätsgebäude hinzukommt, hat laut Leuphana-Sprecher Zühlsdorff „keinen Einfluss auf die Pläne der Universität“ für Volgershall.

Angelegt hat die Schächte im Jahr 1868 der Geologe Dr. Otto Volger, weiß der Lüneburger Stadtchronist Hans Joachim Boldt: „Volger wollte den gesamten Boden nutzen, nach Kali-Salz für Düngemittel schürfen, Gips, Sand und Ton für Baumaterial verwenden, Granitblöcke für den Straßenbau, Lehm sollte zu Backsteinen verarbeitet werden.“

Aufzeichnungen des ehemaligen Stadtgeologen Fritz Bicher zufolge reichte die Schachtanlage bis zu 73 Meter in die Tiefe. Ende 1869 stieß Otto Volger auf eine Solequelle, und zwei Drittel des Schachtes liefen mit Salzwasser voll. Statt Kali-Salz zu fördern, pumpte er nun Sole an die Oberfläche, musste die Förderung aber 1873 einstellen, weil die Saline Lüneburg vor Gericht auf ihr Solegewinnungs-Privileg pochte. Kurz darauf sind Volger die Geldgeber abgesprungen, es kam zur Zwangsversteigerung, die Anlagen verfielen. Der Unternehmer Georg Pieper übernahm das Gelände, ließ den Hauptschacht, neben dem heute ein Volleyballfeld liegt, aber Ende der 1880er Jahre verfüllen. Erst 1927 hat die Stadt Lüneburg den jetzt eingebrochenen Schacht II und den unter dem Uni-Gebäude liegenden Schacht III übernommen. Zunächst dienten sie dem Stadtgeologen Bicher zur Grundwasserbeobachtung. Erst 1996 verschwanden die Schächte vollends beim Bau der Fachhochschule.

Aktuell hat die Stadt laut Sprecher Daniel Steinmeier keine Aufzeichnungen mehr geführt, zuständig sei das Landesbergbauamt. Für das Bergbauamt ist die alte Schachtanlage eine Neuheit, sie steht nicht in den Listen der verlassenen Grubenbauten, heißt es aus der Pressestelle, eine Recherche im Niedersächsischen Bergarchiv laufe. Hinsichtlich der Einsturz-Ursache tappt die Behörde mit Sitz in Hannover noch im Dunkeln: „Der Schacht hatte vermutlich eine Abdeckung, die nicht mehr tragfähig war“, erklärt ein Sprecher. Die Schächte sollen jetzt „mit einem sich nicht setzenden Material, in der Regel Eisenbahnschotter“, verfüllt werden, eventuell könne ein Betondeckel mit Nachfüll- und Kontrollöffnung nötig sein.

Für die Uni bedeutet das eine Investition. Doch da die Schächte laut Landesbergbauamt nur einen geringen Querschnitt haben und nicht sehr tief seien, „sollten sich die Kosten in einem überschaubaren Rahmen halten“.