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Wer gestaltet Lüneburg?

kg Lüneburg. Migranten, Kinder und Jugendliche sowie Menschen mit Behinderung und aus einkommensschwachen Schichten beteiligen sich oft nicht, wenn es darum geht, die eigene Stadt mitzugestalten. Das haben Studenten des Forschungsprojekts Lünesco (Lüneburg Network for Sustainable Community) aus dem Masterprogramm Nachhaltigkeitswissenschaften herausgefunden. In Kooperation mit der Stadtverwaltung und den Stadtteilhäusern haben sie ein Jahr lang Angebote zur Bürgerbeteiligung in Lüneburg unter die Lupe genommen.

Das Ergebnis: Obwohl die einzelnen Institutionen immer wieder versuchen, Bürger aller Bevölkerungsgruppen einzubinden, gelingt dies nicht. Laut den Studenten liegt das vor allem an der Ansprache, die nach wie vor zu unkonkret sei, sowie an fehlenden positiven Erfahrungen der Bürger bei regionalen Beteiligungsprozessen.

„Partizipation muss schon in der Schule ein Thema sein, sodass junge Menschen daran gewöhnt werden mitzuwirken“, sagt Andrea Henkel von Lünesco. Entscheidungsprozesse seien außerdem oft nicht transparent genug, und es werde nicht klar gesagt, woran die Bürger sich beteiligen dürften. Diese Probleme hat Uwe Nehring, Quartiersmanager in Kaltenmoor, bei der Neugestaltung des St.-Stephanus-Platzes selbst miterlebt. Viele Bürger wollten sich beteiligen und dachten, sie dürften den Platz von Grund auf neu gestalten. „Beim ersten Treffen lag aber schon ein Entwurf auf dem Tisch, der bereits Geld gekostet hatte und auf dessen Grundlage deshalb möglichst weiter gearbeitet werden sollte“, erzählt Nehring. Seiner Meinung nach müsse man die Bürger daher früher einbinden und zu Beginn klären, in wie weit sie mitbestimmen können. „Dürfen die Leute ihre Meinung sagen? Dürfen sie Vorschläge machen oder dürfen sie tatsächlich mitentscheiden?“ Oft sei das nicht klar, sodass schnell Frustration entstehe, wenn sich herausstelle, dass die Mitbestimmung nur begrenzt ist.

Der Quartiersmanager gehört neben Mitarbeitern aus den Lüneburger Stadtteilhäusern zu den sieben Verantwortlichen, die von den Studenten zur Bürgerbeteiligung in ihrem Gebiet befragt wurden. Welche Menschen nehmen an Aktionen teil, welche engagieren sich gar nicht? Die Gruppe konzentrierte sich bei der Befragung auf Prozesse aus Politik und Verwaltung, bei denen beispielsweise der Bau von Spielplätzen und öffentlichen Gebäuden oder der Einsatz von Bürgervertretern entschieden werden. Anschließend organisierten sie eine Gruppendiskussion mit Bürgern aus den benachteiligten Gruppen und fragten nach, was sie daran hindert, sich zu beteiligen.

„Viele denken, sie könnten ohnehin nichts bewirken“, sagt Andrea Henkel. „Da fehlt der Mut oder die Durchsetzungskraft und manchmal auch das Verantwortungsgefühl.“ Bei Migranten spielten außerdem Verständigungsschwierigkeiten eine Rolle. Häufig erführen sie gar nicht erst von der Möglichkeit, sich zu engagieren, oder die Strukturen seien für sie undurchschaubar. „Oft sind auch Vorurteile mit im Spiel“, weiß Nehring. In Kaltenmoor leben Menschen aus mehr als 30 Nationen, der Anteil der Migranten liegt bei rund 45 Prozent. Viele von ihnen hätten schon bei der Einwanderung schlechte Erfahrungen mit den Behörden gemacht und treten daher lieber nicht wieder in Kontakt, weiß Nehring.

Daher sei die Anerkennung für bürgerliches Engagement äußerst wichtig, um positive Erfahrungen zu schaffen. „Eine Urkunde oder ein Schulterklopfen reicht meist schon aus“, glaubt Andrea Henkel. Es gehe darum, den Einsatz der Bürger wertzuschätzen. Auch ein Zeitungsartikel könne bereits deutlich machen, dass ihr Engagement gesehen wird. Denn eines sei sicher, meint Nehring: „Oft müssen die Bürger sehr geduldig sein, um den Prozess durch alle städtischen Instanzen durchzuhalten. Demokratie braucht einen langen Atem.“

Aus den Hinweisen, die die Studenten von Verantwortlichen und Betroffenen erhalten haben, wollen sie konkrete Handlungsempfehlungen erstellen und diese an den Umweltausschuss der Stadt übergeben, der sich in Lüneburg mit einer nachhaltigen Gemeindeentwicklung beschäftigt. Erste Ergebnisse präsentiert die Gruppe am Mittwoch, 3. April, ab 16 Uhr im Hörsaal 4 auf dem Uni-Campus an der Scharnhorststraße. Gäste sind herzlich willkommen.