Donnerstag , 29. September 2016
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Eine Zukunft als Ersatzteillager

as Lüneburg. Das Damenrad, Farbe silbergrau, hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Reifen sind platt, Lenker und Klingel voller Rost. „Kristal, das ist doch ein Markenrad, wenn auch ein älteres“, preist Lothard Barz den Drahtesel für einen Euro an. Der Mitarbeiter des Bürgeramtes steht auf dem Betriebshof am Pulverweg auf einem Tisch und gibt mit flotten Sprüchen den Auktionator bei der Fahrradversteigerung. Mit Erfolg. Das Exemplar findet in Nullkommanichts einen neuen Besitzer, Zuschlag bei 15 Euro.

Insgesamt 83 Fahrräder, die im Fundbüro der Stadt lagerten und von ihren Besitzern nicht abgeholt wurden, wechselten gegen Höchstgebot innerhalb von zwei Stunden den Besitzer. Das freut auch die Stadtkämmerin. Laut Stadtpressesprecherin Sonja Mengering kamen 2200 Euro zusammen.

„Wenn Sie ein Rad mit Garantie suchen, gehen Sie zum Händler. Hier müssen Sie Bargeld dabei haben, wir nehmen nur Euros“, sagt Barz launig zum Auftakt in die Runde der rund 150 Besucher der Auktion. Voll funktionstüchtig war nicht jedes Zweirad, manchem fehlte die Kette, bot sich „zurzeit eher als Roller“ an. Anderen fehlte der Ständer, die Klingel oder das Blech. Aber es gab auch wahre Schmuckstücke, Markenräder in gutem Zustand, denen oft nur ein Tropfen Öl fehlte.

Den Zuschlag fürs silberfarbene Damenrad bekam Peter Preuße. Gut angelegtes Geld, fand der 17-Jährige aus Eichdorf bei Dahlenburg. „Das Wichtigste ist in Ordnung, die Felgen sind nicht kaputt. Jetzt muss man gucken, ob die Decken intakt sind, eventuell neue Schläuche einziehen“, meinte der Schüler, der zum ersten Mal bei einer Fahrrad-Auktion war. Er hat auch noch ein Mountainbike ergattert, Farbe Pink, „ansonsten komplett in Ordnung. Ein bisschen Öl muss vielleicht noch auf die Kette“, freute er sich. Für das gute Stück hat er noch einmal 15 Euro angelegt. Beide Räder will er selbst nutzen.

Jämmerlich ist der Zustand des Drahtesels, der nur noch aus Vorderrad, Rahmen und Gepäckträger besteht. „Ein Euro“, ruft Barz in die Menge, keine Resonanz. „Wer nimmt’s geschenkt?“ Jörg Nagel erbarmt sich aus gutem Grund, er hat bereits für wenig Geld ein Damenrad mit herunterhängender Kette und Rost an vielen Stellen ersteigert. „Zum Ausschlachten sind die Räder okay“, findet er. Nagel arbeitet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Klinik Lüneburg. „Manchmal fehlt an den Rädern der Kinder ein Teil, da bieten sich diese Räder als Ersatzteillager an.“

Für eine Freundin, die wenig Geld hat, wollte Nicole F. einen fahrbaren Untersatz ersteigern. Bei drei Euro habe sie die Hand gehoben, „plötzlich waren es sieben Euro“, sagt sie verdattert neben dem ersteigerten Stück stehend. „Das ist doch gar nicht fahrbereit, da fehlt doch eine Speiche. Am liebsten würde ich es verschenken oder es noch mal zur Versteigerung geben“, sagt sie enttäuscht. Susanne Twesten, neue Bürgeramts-Chefin, findet eine Lösung. Das Rad geht noch einmal in die Versteigerung, der Erlös von fünf Euro geht auf Wunsch von Nicole F. an den Kindergarten des Vereins „Die Rübe“.