Aktuell
Home | Lokales | Die Idee ist wichtiger als das Ziel
3156599.JPG

Die Idee ist wichtiger als das Ziel

ben Lüneburg. Hinter der preisgekrönten Geschäftsidee steht eine persönliche Geschichte. Im Jahr 2000 erkrankte die Großmutter von Sophie Rosentreter an Alzheimer. „Ich habe sie sehr nah durch die Krankheit begleitet und immer wieder nach Beschäftigungsmöglichkeiten gesucht“, sagt die 37-Jährige, die nach dem Tod ihrer „Omi“ 2009 den Entschluss fällt, Filme für Demenzkranke zu drehen. Sophie Rosentreter, die bis dahin als Model, TV-Moderatorin und -Redakteurin gearbeitet hat, agiert von Beginn an wie andere erfolgreiche Unternehmer: Sie pfeift auf Management-Lehrbücher und konzentriert sich auf ihre Idee, ihr Wissen und ihr Netzwerk.

Wissenschaftler fassen dieses intuitive unternehmerische Denken und Handeln zusammen unter dem Begriff Effectuation, was soviel bedeutet wie „durch eigenes Agieren Neues bewirken“, sagt René Mauer. Der Leiter des Gründungszentrums der Technischen Hochschule Aachen ist einer der ersten deutschen Wissenschaftler, die zum Thema forschen. Der Ansatz geht zurück auf die US-Professorin Saras Sarasvathy. Die Ergebnisse ihrer Studien stellen klassische betriebswirtschaftliche Methoden infrage, die ein standardisiertes Vorgehen für Gründer vorsehen: Ziel setzen, Marktforschung betreiben, Businessplan aufstellen und diesen Schritt für Schritt umsetzen – das Ziel immer fest im Blick.

Doch der Effectuation-Theorie zufolge verlassen sich erfolgreiche Unternehmer nicht auf systematische Marktforschung und Absatzprognosen. „Sie versuchen nicht, die Zukunft vorherzusagen, sie versuchen, die Zukunft zu gestalten“, erklärt Sarasvathy gegenüber dem „Handelsblatt“. An der Leuphana Universität Lüneburg hat sich Prof. Dr. Andreas Rauch mit Effectuation befasst. Er sagt: „Die entscheidenden Fragen bei der Gründung lauten: Was bin ich? Was kann ich und welche Leute kenne ich, die mir helfen, meine Idee umzusetzen?“ Rauch vergleicht herkömmliche Ansätze und Effectuation mit zwei Arten zu kochen: „Ich kann nach Rezept vorgehen oder im Kühlschrank sehen, was da ist und das Beste draus machen.“

Übertragen auf die Gründer bedeutet das, dass sie nicht an einem fixen Ziel festhalten, sondern an ihrer Idee, sagt René Mauer: „Das ermöglicht ihnen, flexibel zu bleiben, offen für Zufälle zu sein, sich auf einen Entwicklungsprozess einzulassen.“ Es bedeute allerdings auch eine große Unsicherheit: „Es gibt viele Möglichkeiten und wenig, an dem man festhalten kann.“

Sophie Rosentreter kann das bezeugen: „Meine Idee war eine Weltneuheit, den Markt dafür musste ich mir selber schaffen.“ Zwar gibt es allein in Deutschland rund 1,4 Millionen Demenzkranke, aber es gab weder Lieferanten noch Konkurrenz-Unternehmen, mit denen sich die Gründerin hätte austauschen können. Und es gab Gegenwind, Kritiker sagten, sie könne für dieses sozial notwendige Angebot doch kein Geld nehmen. „Trotzdem habe ich nie an meiner Idee gezweifelt. Aber ich bin auch beweglich geblieben.“ Sie sprach mit Betroffenen, Pflegekräften, Musikern, Medizinern, nutzte ihre Kontakte in der Filmbranche. „Ich habe allen Input verarbeitet, immer wieder neue Konzepte gestrickt.“

Im Jahr 2011 überzeugte sie eine Freundin und deren Mann, die Unternehmensgründung zu finanzieren. Inzwischen entwickelt und vermarktet ihre Lüneburger Firma „Ilses weite Welt“, benannt nach ihrer Großmutter, nicht nur Filme für Demenzkranke, sondern auch das passende Begleitmaterial wie Kuscheltiere, Fotos, Bücher und Malvorlagen, bietet Vorträge und Schulungen für Pflegekräfte und Angehörige der Erkrankten an. Die Angebotspalette hat Sophie Rosentreter „den Bedürfnisses des Marktes angepasst“, sagt sie.

Mehrfach wurde „Ilses weite Welt“ für die sozial innovative Idee ausgezeichnet. Inzwischen gehören sechs Gesellschafter und acht festangestellte Mitarbeiter zum Unternehmen – ebenso wie Marktforschung und Businesspläne. Dieses Umschwenken auf klassische Instrumente sei typisch, sagt Wissenschaftler René Mauer: „Wenn klar ist, wo es langgeht, funktioniert es nach Lehrbuch am besten.“

Sophie Rosentreter aber scheint noch nicht ganz angekommen, plant aktuell, eine Stiftung ins Leben zu rufen, „um mehr Menschen helfen zu können“. All das hatte sie mit ihrer Ursprungsidee zwar nicht einkalkuliert: „Aber der Plan ist eben nur der Plan und meist kommt es doch anders als gedacht.“