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Lüneburger helfen in Afrika

akm Lüneburg. Eine Frau, deren Klitoris entfernt wurde, habe mehr Spaß am Sex. Mit dieser medizinisch abstrusen Erklärung begründete eine Afrikanerin dem Lüneburger Dr. Jorge Guerra-Gonzalez die in Gambia gängige Beschneidung von Säuglingen. „Ein Aberglaube, den wir nicht mit Argumenten bekämpfen können“, sagt der Uni-Dozent. Zu groß sei die Abwehr gegen das Diktat der Weißen, der einstigen Kolonialisierer. Guerra geht daher andere Wege in der Entwicklungsarbeit – den Weg von Arbeitsteilung und Vernetzung.

Der von ihm gegründete Lüneburger Verein International Non Profit Network (INPN) unterstützt und initiiert Projekte in Afrika, Zentral- und Lateinamerika, häufig profitieren Kinder und Frauen, oft geht es um Bildung oder Aufklärung -über Aids, Beschneidung, Hygiene. Darüber hinaus vergibt der Verein Mikrokredite, renoviert Krankenhäuser, baut Biogasanlagen. Eine feste Ausrichtung oder spezielle Zielsetzungen gebe es bei INPN nicht, erzählt Guerra-Gonzalez. Entscheidend sei vielmehr das Vorgehen. „Jedes unserer Projekte wird vor Ort von einem Menschen betreut, den wir kennen und dem wir blind vertrauen.“ Nur durch dieses Netzwerk persönlicher Bindungen könnten Missbrauch und Korruption in der Entwicklungsarbeit vermieden werden, ist der gebürtige Spanier überzeugt. Gerade erst waren Lüneburger wieder in Afrika, um sich von der Situation vor Ort zu überzeugen. Darüber berichteten sie jetzt in der Volkshochschule.

Die Vertrauensperson im Projektland hat noch einen Vorzug, denn in der Regel ist sie dort heimisch. Dass in Gambia beispielsweise die Beschneidung leicht zurückgehe, ist kaum dem Einfluss der Lüneburger zu verdanken. „Echten Einfluss haben da nur die Einheimischen.“ Noch weniger messbar ist der Erfolg von Guerra und seinen Mitstreitern in anderen Projekten, etwa im Bereich Bildung. Wieviel ein Kind lerne und ob es durch den Schulbesuch einen besseren Job finde, lasse sich kaum evaluieren. „Uns muss da die Gewissheit reichen, dass das Kind überhaupt zur Schule geht.“ Tut es das nicht, fällt die Unterstützung von jährlich 25 Euro Schulgeld für die Eltern weg.

Um nachhaltig zu helfen, hält sich der Verein deshalb an den Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe. „Zu lange wurde in der Entwicklungsarbeit die Abhängigkeit der Betroffenen gefördert“, kritisiert Guerra. Dem Lüneburger missfällt das klassische Bild von Entwicklungshilfe. „Es geht schließlich um gegenseitiges Lernen“, betont er und gerät ins Schwärmen – über seine jüngste Afrikareise, die Wärme, Lebensfreude und Bescheidenheit der Menschen dort. „Die haben Schätze, die wir durch Egoismus und Individualisierung vergraben haben.“

Ein Defizit, das auch Antrieb gibt. Vor sieben Jahren gründete Guerra-Gonzalez den Hilfsverein, gemeinsam mit dem Lüneburger Reinhard Ross, der mittlerweile nach Nicaragua ausgewandert ist, um sich dort ganz seinen Projekten zu widmen. Guerra hält die Familie in Deutschland. Umso erfreuter ist er darüber, wie viel sich von Lüneburg aus weltweit bewegen lässt. „Es gibt viele Menschen, die daran Anteil haben, wir übernehmen insbesondere die Koordination“, sagt er. Nur eines habe der 25 Mitglieder starke Verein bisher versäumt – die Werbetrommel zu rühren. „Kaum jemand kennt unsere Arbeit, das muss sich ändern.“