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Das Science-Fiction-Klischee

akm Lüneburg. Kreuzt man einen Fisch mit einem Regenwurm, erhält man einen Wurm mit Schuppen. „So etwa stellen sich viele Schüler Gentechnik vor“, sagt Julian Wortmann von der Bildungsinitiative „KritikGen“. Die Klassen, die der Lüneburger Student besucht, denken bei Gentechnik an das Schaf Dolly und an verrückte Experimente, nicht an Pflanzenzucht und Lebensmittel. „Für die Jugendlichen ist Gentechnik eher Science Fiction“, erlebt der Umweltwissenschaftler. Das will „KritikGen“ ändern. Durch Aufklärung sollen die jungen Konsumenten ein kritisches Bewusstsein für gentechnisch veränderte Pflanzen in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie entwickeln.

Gegründet hat sich die Lüneburger Gruppe vor drei Jahren als Reaktion auf „HannoverGen“, ein vom Land gefördertes Bildungsprojekt. „Die stellen Gentechnik viel zu positiv da“, meint Wortmanns Mitstreiterin Olivia Sprengel. Vor allem durch Experimente würde dort die Faszination für menschliche Eingriffe noch verstärkt. Bei „KritikGen“ stehen dagegen Informationen im Vordergrund, etwa zum Unterschied von Gentechnik und Pflanzenzucht, zu ökologischen und sozialen Folgen der Gentechnik und zur Erkennbarkeit gentechnisch veränderter Produkte. „Im Supermarkt gibt es kaum Transparenz“, sagt Olivia Sprengel. Kennzeichnungspflicht bestehe in Europa lediglich bei Produkten mit direkt gentechnisch veränderten Zutaten. Viel häufiger gelange die Gentechnik aber auf Umwegen in die Nahrung – über das Futtermittel. Ob Eier, Fleisch oder Milchprodukte: „Der Verbraucher erfährt auf der Verpackung nicht, was die Tiere bekommen haben“, verdeutlicht Olivia Sprengel.

Garantiert gentechnikfrei seien hierzulande Bio-Produkte, frisches Obst und Gemüse sowie Lebensmittel mit dem Siegel „ohne Gentechnik“. Kauf- oder Handlungsanweisungen geben die Mitstreiter von „KritikGen“ jedoch nicht. Ebenso wenig wollen sie Panik verbreiten. „Deshalb sparen wir auch das Thema gesundheitliche Risiken mehr oder weniger aus“, sagt Wortmann. Denn ob gentechnisch veränderte Lebensmittel tatsächlich für den Menschen gefährlich sind, sei nicht hinreichend belegt.

Die Arbeit der Studenten fällt dennoch auf fruchtbaren Boden. Denn die Deutschen sind skeptisch. Während Gentechnik in Medizin und Pharmazeutik weitgehend akzeptiert ist, herrscht gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln Ablehnung. „Als solcher ausgezeichneter Genmais würde hier im Supermarkt niemand kaufen“, glaubt Wortmann. Und doch fürchtet er einen Mentalitätswandel in der Zukunft. Zu groß sei der Fortschrittsglaube der Deutschen, zu stark die Bestrebungen großer Konzerne, Gentechnik zu etablieren und zu geschickt ihre Argumente: „Immer wieder hört man, Gentechnik sei unverzichtbar beim Kampf gegen Armut und Hunger“, sagt Wortmann. Unsinn, meint er. „Wir produzieren schon ausreichend Lebensmittel, es geht immer nur um falsche Verteilung.“

Nur noch fünf Mitglieder gestalten derzeit die Arbeit von „KritikGen“. „Wir sind auf der Suche nach neuen Mitstreitern“, sagt Olivia Sprengel und lädt Interessierte für Mittwoch, 10. April, 18 Uhr, ins Heinrich-Böll-Haus, Katzenstraße 2, ein. Auch Lehrer, die an der Arbeit der Studenten interessiert sind, können sich melden: lueneburg @janun.de oder Tel.: 2 47 28 31.