Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Immer mehr Mogelpackungen

akm Lüneburg. Prüfend wandern ihre Augen durch die Regale des Supermarktes. Schnell wird Laura König fündig. Weniger Kaffee für das gleiche Geld steckt jetzt in den Cappuccino-Pads von Senseo. „Ein typisches Beispiel für versteckte Preiserhöhung“, sagt die Verbraucherschützerin. Aus knapp 50 Prozent Kaffeeanteil wurden nun 10 Prozent, als Ersatz dienen Zucker und Fett. Die Verpackung ist gleich, ebenso der Preis, der Hersteller wirbt mit „Neuer Rezeptur“. Die 23-jährige Lüneburgerin, Mitglied im Verein verbraucherschutz.de, kritisiert: „Dem Käufer fällt das deshalb nicht auf.“

Beispiele für diese Art der Preiserhöhung gibt es genug, wie ein Streifzug durch Lüneburgs Supermärkte zeigt. Reduzierter Inhalt zum gleichen Preis bei Edeka, Rewe, Penny oder Kaufland – das sogenannte Schrumpfprinzip wird bei Herstellern und Händlern immer beliebter, sagt Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale: „Die Unternehmensberater empfehlen gern diese Möglichkeit der unauffälligen Preiserhöhung.“ Nicht immer war es für Hersteller so leicht, ihre Kunden zu täuschen, denn bis 2009 legte eine Richtlinie Verpackungsgrößen fest. Mit der Freigabe der Füllmengen begann das Schrumpfen, oft ganz langsam, Schritt für Schritt. „Bei einem Pampers-Produkt haben wir gerade die vierte Preiserhöhung innerhalb von sechs Jahren entdeckt“, nennt Valet ein Beispiel.

Laura König durchstöbert die Drogerie-Abteilung. „Vor allem bei Markenartikeln findet man versteckte Preiserhöhungen“, weiß sie. Die junge Frau notiert Preiserhöhungen bei Waschmittel, Handseife und Mundwasser, wechselt dann in die Süßwarenabteilung. Ein Paradies für ungewöhnliche Packungsgrößen. 352 Gramm enthält die neue Prinzen-Rolle Choco Duo. Es waren mal 400 Gramm. Beim selben Preis macht das eine Verteuerung von knapp 14 Prozent. „Doch bei diesen Artikeln achtet der Käufer kaum auf den Preis“, sagt Armin Valet. Und je toleranter der Verbraucher, desto verbreiteter seien versteckte Preiserhöhungen.

Wer ist schuld an diesem Schrumpfprinzip? Zwar verändert der Hersteller die Packungsgrößen, offiziell legt jedoch der Händler den Preis fest. „Wir richten uns bei den Preisen nach den Empfehlungen der Edeka-Zentrale“, erklären die Lüneburger Kaufleute Meike Bergmann und Manfred Tschorn übereinstimmend. Die Zentrale verweist bei der Preisbildung auf „marktwirtschaftliche Prinzipien“, schiebt indirekt den schwarzen Peter zurück an die Hersteller. Die Entscheidung, den Preis für einen Artikel nicht zu erhöhen, sondern das Gewicht zu reduzieren, liege allein in der Verantwortung des jeweiligen Herstellers, betont Gernot Kasel, Pressesprecher der Edeka-Zentrale. Auch die Hamburger Verbraucherzentrale beißt bei der Frage nach den Verantwortlichen auf Granit. „Wer sich den Gewinn durch versteckte Preiserhöhungen einsteckt, erfährt man nicht“, sagt Valet. Auch eine rechtliche Handhabe gegen das Schrumpfprinzip gebe es nicht, bedauert er. „Fest steht für uns: Beide spielen mit – Hersteller und Händler.“

Und die nennen gern den Grundpreis als ausreichendes Instrument für Transparenz. „So können sich die Verbraucher unabhängig von Verpackungsgröße und Gewicht über den Preis informieren“, sagt Edeka-Sprecher Kasel. Unsinn, entgegnet Verbraucherschützer Valet. Der Grundpreis helfe dem Kunden nur beim unmittelbaren Vergleich zweier Produkte. „Eine versteckte Preiserhöhung entdeckt der Käufer so nicht, weil die wenigsten den Grundpreis des alten Produkts im Kopf haben.“ Und so merkt der Kunde oft nur durch Zufall, wenn ein Produkt geschrumpft ist, etwa das gekaufte Knäckebrot die dafür vorgesehene Wasa-Frischebox nicht mehr ausfüllt. Manfred Tschorn verspricht seinen Kunden deshalb: „Wir passen auf.“ Wenn die versteckte Preiserhöhung zu dreist sei, nehme er das Produkt aus dem Sortiment, erklärt der Kaufmann, räumt wenig später aber ein: „Wir kriegen das ja meist gar nicht mit, wenn der Inhalt verändert wird.“