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Mode aus Bananenblättern

as Lüneburg. Sie liebt Reisen, lässt sich gerne auf Menschen in anderen Kulturen ein, und es liegt ihr am Herzen, Erfahrungen und Wissen weiterzugeben. Drei gute Gründe, warum sich Christiane Baur seit Jahren für den Senior Experten Service (SES) ehrenamtlich engagiert. Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit schickt Senior Experten, Menschen im Ruhestand, ins Ausland, damit diese ihr Fachwissen zur Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften weitergeben. Christiane Baur, Diplom-Designerin und Diplom-Farbgestalterin, ist von einem zweimonatigem Lehrauftrag in Südindien zurück, wo sie in der Mode-Abteilung eines katholischen Mädchen-College tätig war.

Changanacherry heißt die Kleinstadt im Bundesland Kerala. Rund 2000 junge Frauen studieren an dem Mädchen- College, darunter 80 in der Mode-Abteilung. „Indien ist geprägt von Textilindustrie, dadurch bietet das Studium des Mode-Designs große Chancen“, berichtet Christiane Baur, die als freiberufliche Farbgestalterin arbeitet und früher für große Teppich-Firmen Kollektionen in Nepal entworfen hat. Die Studentinnen des College hätten fast alle einen Traum: nach dem Bachelor-Abschluss nach Paris zu gehen. „Das dürfte ein weiter Weg werden, denn den meisten fehlt die Erfahrung aus der Praxis“, meint die Lüneburgerin. Das Fundament dafür, was sie im Studium erlangen, sei eher theoretisch. Der Grund dafür: Die Lehrkräfte haben selber an dem College studiert und waren nicht draußen im Beruf tätig. Das Studium sei zu sehr verschult.

An Kreativität und Phantasie mangele es den Studentinnen zwar nicht, so Christiane Baur, doch um einen kreativen Prozess in Gang zu setzen, bedurfte es des feinen Gespürs und Wissens der Senior Expertin. So stellte sie zum Beispiel die Frage: „Wie bekommt ihr eine Idee für ein Kleidungsstück?“ Die Antwort einer Studentin: „From Nature“, also aus der Natur. Da Kokospalmen weit verbreitet sind in Kerala (übersetzt bedeutet es „Land der Kokospalmen“), stellte sie den jungen Frauen die Aufgabe, aus diesen Palmenblättern und Bananenblättern eine Jacke zu entwerfen und herzustellen. „Erst haben sie gemurrt, doch innerhalb von drei Stunden entstand ein wunderschönes Oberteil.“ Für die Schnitttechnik bei diesem und anderen Teilen stand eine Schnittdirektrice eines Münchner Modekonzerns zur Seite, die ebenfalls als Senior Expertin im Einsatz war. Denn Schnitte zu entwickeln, was Basisarbeit ist, und diese für Entwürfe abzuändern, bedurfte der Anleitung.

Christiane Baur vermittelte auch, welche Bedeutung der Farbbalance bei Modeentwürfen zukommt, und schulte im Modezeichnen. Statt Bleistift und Radiergummi empfahl sie zum Beispiel Farbe und Pinsel, um dem leichten Faltenwurf Optik zu geben. Und sie übte das freie Sprechen mit den zukünftigen Designerinnen, „damit sie bei Präsentationen Leichtigkeit und Selbstbewusstsein haben“. Denn das, weiß die Lüneburgerin aus eigner Erfahrung, zählt beim Umgang mit Kunden besonders. Dass es nicht nur ums Vermitteln von Fachwissen ging, sondern auch Raum für Lachen und gemeinsames Singen und Spielen war, haben sowohl Lehrerin als auch Schülerinnen geschätzt.

Untergebracht war die Senior Expertin in einem recht spartanischen Apartment auf dem Campus, verköstigt wurde sie wie das Lehrpersonal und die katholischen Pater in der Uni-Kantine. Eine bittere Erfahrung sei gewesen, dass sich kaum Kontakt zu den College-Kollegen entwickelt habe. Die gute Erfahrung: „Die Studentinnen haben sich wohlgefühlt.“ In ihrer Abschiedsrede haben sie ihrer Lehrerin bescheinigt: „Sie zeigte uns Farben zu sehen, zu fühlen und zu hören. Sie lehrte uns, dass es keine Begrenzung in der Vorstellung braucht.“ Für Christiane Baur ein schöner Lohn für ihr ehrenamtliches Engagement. Darüber sagt sie: „Wenn man Eindrücke und Erfahrungen in einem anderen Land sammeln darf, bekommt das gewohnte Leben hier einen ganz anderen Stellenwert.“