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Trotz Lohnplus bleibt nichts übrig

rast Lüneburg. Sie gilt als heimliche Steuererhöhung: die derzeit politisch heiß diskutierte kalte Progression. Hinter diesem Begriff verbirgt sich das für viele schwer zu verstehende Phänomen, dass trotz einer Lohnerhöhung netto unterm Strich nicht mehr übrig bleibt – ein höherer Steuertarif und die Inflation schlucken das Lohnplus. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) sollen durch diese kalte Progression zwischen den Jahren 2010 und 2017 rund 20 Milliarden Euro in die Staatskassen fließen. „Die Steuerbelastung steigt latent“, sagt der Lüneburger Dr. Harald Grürmann, Präsident der Steuerberaterkammer Niedersachsen: „Die Frage, ob das Geld zurückgegeben wird oder nicht, ist als Tariffrage aber eine politische.“

Das Phänomen ist nicht neu, Dr. Grürmann: „In Deutschland sind die Steuersätze von 15 Prozent bis 42 Prozent ansteigend, früher waren die Sätze noch höher. Bei rund 55 000 Euro brutto im Jahr für Alleinstehende sind die 42 Prozent als Grenzsteuersatz erreicht und bleiben dann konstant.“ Der Präsident nennt ein Beispiel: Erhält ein Alleinstehender in der Steuerklasse 1 monatlich 4000 Euro brutto, zahlt er 760,91 Euro Lohnsteuer, macht 19,01 Prozent. Bei einer Lohnerhöhung um 200 Euro sind es mit 831,33 Euro ein Steuerplus von 70,42 Euro bei einem Durchschnittssteuersatz von 19,78 Prozent. Erhält er ein weiteres Plus von 200 Euro, also brutto 4400 Euro, muss er 902,58 Euro Lohnsteuer zahlen, macht 20,51 Prozent. Im ersten Schritt blieben zu den 4000 Euro rund 110 Euro, im zweiten mit den 4400 Euro rund 250 Euro mehr gegenüber den ursprünglichen 4000 Euro. Bei all diesen Zahlen wurde die Sozialversicherung noch nicht berücksichtigt. Dann greift allerdings die Inflation ins Portemonnaie. Dr. Grürmann sagt: „Die Frage ist hier, ob die Tarifkurve nicht parallel nach unten verschoben werden sollte, um diesen Effekt zu beseitigen. Das kann man, muss man aber nicht tun.“

Von der kalten Progression sind „die ganz Großen und die ganz Kleinen nicht betroffen“, sagt der Lüneburger Steuer-Experte. Wer jenseits der monatlich 5000 Euro brutto liege, bei dem bleibe es bei zusätzlichen Einnahmen bei den 42 Prozent. Auch kurz darunter sieht es etwa so aus: Wer bei 4700 Euro brutto eine Gehaltserhöhung auf 4890 Euro erhalte, zahle statt bislang 1014,25 Euro Lohnsteuer dann 1090,50 Euro.

Dass Geringverdiener prozentual höher belastet werden als Steuerpflichtige mit hohen Einkommen, ist „stark verkürzt“: „Unter 920 Euro ist alles steuerfrei. Verdient jemand 800 Euro und erhält 100 Euro mehr, zahlt er immer noch keine Steuern. Werden 200 Euro auf die 800 Euro draufgepackt, sind es 39 Euro – das sind also 18 Prozent mehr auf den zusätzlichen Betrag.“

Betroffen von der kalten Progression sind vor allem Ehepaare mit mittleren Einkommen zwischen 50 000 und 70 000 Euro brutto im Jahr, die Süddeutsche Zeitung zitierte jüngst den Berliner Steuerprofessor Frank Hechtner mit einem Beispiel: Einem Ehepaar mit zwei Kindern und einem Jahresbrutto von 60 000 Euro nimmt der Fiskus zwischen den Jahren 2011 und 2014 durch die kalte Progression etwa 488 Euro weg. Bei dem doppelten Familieneinkommen sind es 1329 Euro, bei Kleinverdienern mit 30 000 Euro brutto 207 Euro.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hatte übrigens vorgeschlagen, die Grenzen des Einkommensteuertarifs an die Verbraucherpreise zu koppeln, um auszuschließen, dass die kalte Progression zum „Selbstbedienungsladen der Haushaltspolitiker wird“. Und auch die deutsche Wirtschaft appellierte an die Bundesregierung, die heimlichen Steuererhöhungen zügig zu stoppen.