Mittwoch , 28. September 2016
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Haus der frierenden Senioren

ahe Lüneburg. Endlich kann Gerda Haiduk die Heizung runterdrehen, den Frühling hat sie sehnlichst erwartet, mehr noch als die meisten anderen. Denn den langen Winter hat sie deutlich zu spüren bekommen. Die 88-Jährige hat täglich ihren kleinen Heizlüfter hervorgekramt und angeschlossen, um nicht ständig bibbern zu müssen. Nachbarin Berta Schönhoff saß häufig im Dunkeln, die 81-Jährige hat Decken vor ihr Fenster gehängt, um wenigstens etwas Kälte draußen zu halten. Die Heizungen liefen bei beiden oft auf höchster Stufe, doch in den Wohnungen der alten Damen hatte es kaum mehr als 20 Grad. Zu kalt für die Seniorinnen, die in einer betreuten Wohnanlage hinter dem Seniorenzentrum Alte Stadtgärtnerei leben und nicht länger frieren wollen. Längst haben sie den Kampf gegen ihren Vermieter aufgenommen, einen Anwalt eingeschaltet, die Miete gekürzt. Gebessert hat sich bisher nichts.

Aus Berlin hat es Gerda Haiduk vor dreieinhalb Jahren nach Lüneburg verschlagen, „meine Enkeltochter ist hier verheiratet“. Eingezogen ist sie in ihr kleines Appartment am 1. Oktober 2009, vier Winter hat sie nun gefroren. „Mir langt es“, sagt die resolute Frau. Mehrfach habe sie die Wohnungsbaugesellschaft Semmelhaack auf ihr Problem aufmerksam gemacht – ohne Erfolg. Dabei ist sie nicht allein. „Die meisten hier empfinden das so, aber viele trauen sich nicht, sich mit dem Vermieter anzulegen.“

Gerda Haiduk ist da anders: „Ich lass mir nicht die Butter vom Brot nehmen.“ Gemeinsam mit Berta Schönhoff und Lisa Pentke sitzt sie auf dem Sofa ihrer kleinen Wohnung und kramt ein Buch hervor: Akribisch genau hat sie darin notiert, wann sie mal wieder die Hausverwaltung angerufen und auf ihre Sorgen aufmerksam gemacht hat und was danach passiert ist. Meistens sei nichts passiert. Erst als die Frauen einen Anwalt einschalteten und die Miete um 20 Prozent kürzten, sei die Hausverwaltung mal vorbeigekommen und habe die Temperatur gemessen. „Aber deren Geräte haben angeblich eine höhere Temperatur gemessen, alles sei in Ordnung, haben die gesagt. Aber nichts ist in Ordnung. Schauen Sie hier auf das Thermometer: 21 Grad. Das reicht mir nicht“, schimpft die 88-Jährige. „In Berlin hatte ich 25 Grad in der Wohnung.“

Die Firma Semmelhaack äußert sich trotz mehrfacher Anfrage gegenüber der LZ nicht zu den Sorgen ihrer Mieter. Doch die bleiben hartnäckig, drängen wie Berta Schönhoff auf ein paar Grad mehr: „Wenn ich im Winter in meiner Wohnung ein Buch lese, habe ich nach einer Stunde eiskalte Hände. Dann mache ich mir immer einen Cappuccino mit einem Schuss Amaretto oder Rum, damit ich wieder warm werde.“ Sie scherzt: „Ich werde hier noch zur Alkoholikerin.“

Sie und ihre beiden Nachbarinnen haben längst ausgemacht, wo das Problem liegt: Statt der im Mietvertrag versprochenen drei Heizkörper gebe es nur zwei, einen im Bad und einen im Schlafzimmer. „Aber wir halten uns ja tagsüber im Wohnbereich auf, da gibt es keinen Heizkörper“, sagt Berta Schönhoff. Also zieht sie sich immer mollig warm an und verhängt ihre Fenster. „Meine Nachbarin hatte schon den Verdacht, ich würde die zuhängen, damit sie da nicht reingucken kann“, erzählt sie. „Und neulich hatte ich Besuch, die hat sich ihre Jacke wieder angezogen, das ist doch peinlich“, findet sie.

Der Vermieter habe angeboten, eine zusätzliche Heizung im Wohnbereich einzubauen – allerdings auf Kosten der Seniorinnen. „Das wären 1000 Euro jür jede, das sehen wir gar nicht ein“, sind die sich einig. Das Geld, das die Damen bei der Miete gekürzt haben, will die Hausverwaltung nun wiederhaben. Eigentlich sollten sie die Rückstände bis zum 27. März begleichen – gezahlt haben sie nicht. Gerda Haiduk bleibt resolut: „Wir zahlen nicht, notfalls gehen wir eben ins Gefängnis.“