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Online-Lob hilft bei Depression

org Lüneburg. Sie war gerade schwanger, da bekam sie Diabetes. Später brachte sie ihr zweites Kind zur Welt, es folgte ein Schicksalsschlag: Ihr Mann bekam Parkinson. Als er starb, war sie 52 Jahre alt. Heute ist Bella 63 und Teil einer wissenschaftlichen Studie: Wie Computerprogramme Diabetes-Patienten mit depressiven Symptomen helfen können.

In den Niederlanden üblich, in Australien von Ärzten verschrieben, in Deutschland eher kritisch beäugt: Onlineprogramme für Patienten mit depressiven Verstimmungen. „Wissenschaftliche Studien haben ihre Wirksamkeit belegt“, sagt Stephanie Nobis (27) von der Leuphana Universität Lüneburg. Die Gesundheitsmanagerin arbeitet im Team „Gesundheitstraining Online“ des Innovations-Inkubators. In Deutschland überwiegt die Skepsis, das weiß auch Nobis. Da die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz aber sechs Monate beträgt, sagt sie: „Wir wollen ein zusätzliches Angebot schaffen, nicht etwas anderes ersetzen.“ Gerade für Menschen, die eine Psychotherapie scheuen, könne das Onlineprogramm eine Alternative sein, um Beschwerden zu lindern.

Eine, bei der das offensichtlich funktioniert hat, ist Bella. Sie heißt nicht wirklich Bella, sondern hat sich diesen Namen gewünscht, um ihre Geschichte in der Zeitung zu erzählen. Anderen möchte sie Mut machen, denen es ähnlich geht wie ihr. 1996 fing Bella an, bei der Arbeit Fehler zu machen. Machte bei der Korrektur neue und wieder neue Fehler. Nach zwei Wochen ging sie zum Arzt – und kehrte nie an ihren Schreibtisch im Büro zurück. „Damals wusste ich gar nicht, was eine Depression ist“, sagt die große schlanke Frau. Heute weiß sie es. Weiß, dass es depressive Verstimmungen waren, die sie am Wochenende so viel wie möglich im Bett liegen ließen, so viel, wie es der Alltag mit Kindern und Haushalt zuließen. Bleischwer, einsam, allein. „Dabei bin ich ein starker Mensch. Ich hatte nie jemanden, der mir helfen konnte. Ich habe es immer noch geschafft, mir selbst Hilfe zu holen.“

Bei Therapeuten, Ärzten, in Gesprächsgruppen, einmal auch mit Psychopharmaka. „Mit 46 Jahren habe ich zum ersten Mal entdeckt, dass es mich gibt“, sagt die 63-Jährige: „Und dass auch ich etwas wollen darf. Mir waren immer nur die anderen wichtig, mir fehlte die Bestätigung als Mensch und als Frau.“

15 Jahre später kommen die Gefühle von 1996 wieder. Aber dass das Unbehagen mehr ist als ein Unbehagen, das sie bleiern macht, sich so leer fühlen lässt wie ein Nichts, das merkt sie monatelang nicht. Dass es wieder Depressionen sind, hat sie erst nach einem Monat als wissenschaftliche Testperson im Pilotdurchlauf erkannt.

„Das Programm hat mich sehr viel weitergebracht“, sagt Bella. „Ich empfinde das Arbeiten in dem Onlineprogramm wie eine Psychotherapie mit einer mir gegenüber sitzende Therapeutin. Ich kann immer nur eine Lektion bearbeiten und schicke sie dann an die Leuphana.“ Es gibt Feedback, Zuspruch, Lob. „All das tut mir sehr, sehr gut.“ Dass ein Computer zwischen ihr und der Betreuerin steht, stört Bella nicht, es macht es ihr eher leichter.

Sechs Lektionen gibt es, von Methoden systematischer Problemlösung über die Rückkehr aus dem Rückzug bis hin zu erholsamem Schlaf und körperlicher Aktivität. Erst wenn eine Lektion bearbeitet und beantwortet ist, lässt sich die nächste öffnen. In der Online-Therapie hat Bella gelernt, sich nicht ausschließlich durch Leistung und Pflicht zu definieren, in ihren Wochenplan auch Angenehmes und Schönes einzutragen. Der Plan ist wichtig für sie, sie führt ihn auch nach Abschluss der Studie fort. Sie hat lösbare und unlösbare Probleme definiert, Lösungen für einige lösbare entwickelt und gelernt, die unlösbaren vom Zentrum an den Rand der Aufmerksamkeit zu schaffen. Und sie weiß, dass sie für positive Erlebnisse das Haus verlassen muss.

Für wen die Onlinehilfe nicht Hilfe genug ist, für den kann sie ein Einstieg zu einer echten Therapie sein. Stephanie Nobis sagt: „Wir wollen mit dem Programm auch zeigen, dass es nichts Schlimmes ist, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Das Programm haben Wissenschaftler der Leuphana gemeinsam mit Psychologen, Psychiatern, Psychotherapeuten und Ärzten von den Universitäten Marburg, Freiburg und Amsterdam entwickelt. Hintergrund: Diabetiker leiden etwa doppelt so häufig an Depressionen wie der Durchschnitt.

Die Wirksamkeit des Programms will die Uni jetzt in einer Studie testen und sucht dafür Diabetes-Patienten mit depressiven Symptomen. Die Probanden bleiben anonym. Weitere Onlineprogramme beschäftigen sich mit Angststörungen, Schlafstörungen, Stressbewältigung, Alkoholmissbrauch und Prävention von Depression. Die Uni sucht weiter Probanden für sämtliche Programme. Interessierte können sich melden unter der E-Mail nobis@inkubator.leuphana.de.