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Grundstückskosten sieht Mädge als Preistreiber

as Lüneburg. Auf Wachstumskurs ist Lüneburg seit Jahren, allein seit 2000 stieg die Einwohnerzahl um 4000 Bürger auf heute 72 572 an. Die Nachfrage nach Wohnraum und Grundstücken ist enorm, auch weil Lüneburg attraktives Zuzugsgebiet für Hamburger ist. Wie stellt die Stadt die Weichen für die Zukunft, werden neue Baugebiete ausgewiesen, was kann getan werden, damit Wohnraum auch für jeden bezahlbar ist? Darüber sprach die LZ mit Oberbürgermeister Ulrich Mädge.

Herr Mädge, wie einwohnerstark soll Lüneburg künftig werden?

Ulrich Mädge: Laut Untersuchungen könnte die Stadt bis 2020 rund 80 000 Einwohner haben. Ich halte es aber für realistischer, dass es bis zu dem Zeitpunkt eher 77 000 sein werden, denn wir wachsen pro Jahr durchschnittlich um 500 Einwohner. Was wir nicht kalkulieren können, ist der mögliche Zuzug von älteren Menschen aus der ländlichen Region in die Stadt aufgrund der besseren Infrastruktur, kürzerer Wege, der Gesundheitsversorgung und der hohen Lebensqualität.

Neubaugebiete wie Rosenkamp II, Pilgerpfad oder das Hanseviertel stehen hoch im Kurs, die Grundstücke waren schnell verkauft. Zwar wird nun das Areal Wittenberger Bahn entwickelt, aber auch dort soll die Nachfrage schon groß sein. Hat die Stadt schon weitere Flächen im Blick, die entwickelt werden sollen?

Mädge: Es wird immer eine Innenverdichtung geben. Verwaltung und die Mehrheiten im Rat sind sich aber einig, dass mit Blick auf die Nachhaltigkeit nicht jede Ecke in der Stadt bebaut werden soll.

In der Gruppenvereinbarung von Rot-Grün, die sich mit Ratsbeschlüssen deckt, haben wir folgende weitere Neubaugebiete angedacht: Eine Fläche, die sich rechts hinter den Ebensberg anschließt, könnte mit eigener Zufahrt von der Erbstorfer Landstraße entwickelt werden. Entstehen könnten dort rund 200 Einfamilienhäuser. Die Flächen gehören drei Privateigentümern. Ein Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan soll noch in diesem Sommer erfolgen. Wir hatten das Areal schon vor zehn Jahren im Blick, damals scheiterten die Pläne an der Bahnstrecke und einer teuren Querung.

Bekanntlich wollen wir auch das Hanseviertel II, das derzeit noch von der Bundespolizei für Castor-Einsätze genutzt wird, zügig für Geschosswohnungen entwickeln. Der Aufstellungsbeschluss erfolgte bereits im März. Ein drittes Neubaugebiet könnte zwischen Ostumgehung, Alt Hagen und der Kreisstraße nach Wendisch Evern entstehen für 100 bis 150 Einfamilienhäuser, Voraussetzung ist, dass die Eigentümer die Flächen veräußern wollen. Außerdem sind auf dem ehemaligen Sperli-Gelände Reihenhäuser für 40 Wohneinheiten geplant.

Gibt es bestimmte Kriterien dafür, wo Neubaugebiete entstehen?

Mädge: Wir entwickeln da, wo es eine gute Infrastruktur wie Krippen, Kitas, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe gibt und wo wir Ortsteile mit jungen Familien stärken können. Außerdem haben wir eine Analyse in Auftrag gegeben bezüglich des Bedarfs von Einfamilienhäusern und Geschossbauten in der Zukunft.

Lüneburg ist auch beliebtes Zuzugsgebiet für Hamburger, die auch bereit sind, hohe Preise zu bezahlen. Das treibt die Preisspirale für Grundstücke und Eigenheime hoch. Hat die Stadt da nicht auch eine soziale Verantwortung, regulierend einzugreifen?

Mädge: Es sind vor allem die Grundstücks- und Erschließungskosten, die den Preis treiben. Die Sparkassentochter idb musste zum Beispiel an einer europaweiten Ausschreibung teilnehmen, um die Fläche fürs Hanseviertel vom Bund erwerben zu können. Den Preis, den die idb zahlen musste, legt sie natürlich um auf den Quadratmeterpreis für die Grundstücke. Den zu zahlen, sind nicht nur Hamburger, sondern auch Interessenten aus der Region bereit.

Was wir nun erstmals machen, damit auch mehr bezahlbarer Wohnraum neu entsteht, ist Folgendes: Wir vereinbaren mit der idb Baufelder, in denen 40 Wohnungen im preisgünstigen Segment sowie 40 Wohnungen für Senioren entstehen sollen. Diese Baufelder werden im städtebaulichen Vertrag festgeschrieben. Investoren können die Flächen zu einem günstigen Marktpreis erwerben mit der Auflage, dass dort Wohnungen zu einem niedrigen Mietpreis angeboten werden. Offen ist, ob sich dafür Investoren wie zum Beispiel Wohnungsbaugenossenschaften finden.

Wo liegt das Problem?

Mädge: Sozialer Wohnungsbau ist nicht ohne Zuschüsse möglich. Der Verband der Wohnungswirtschaft spricht von 90 000 Euro Subventionen pro Wohnung, wir gehen von 50 000 Euro aus. Fließen müssten diese Zuschüsse von Bund und Land, allerdings reichen die Mittel derzeit bei Weitem nicht aus. In den 90er-Jahren hat die Stadt selbst ein Programm mit rund 10 Millionen Mark aufgelegt, damals für Bockelsberg West. Heutzutage können wir das nicht leisten, weil die Sanierung von Schulen und im energetischen Bereich Millionen kostet. Ich habe aber vor einigen Wochen Investoren, die in Lüneburg tätig sind, eingeladen und sie aufgefordert, im Bereich Mietwohnungsbau im Segment sieben bis acht Euro etwas zu tun.

Gespräche sind auch zum studentischen Wohnungsbau mit Uni, Asta, Campus Lüneburg und Lüwobau gelaufen. Fazit: Es gibt keinen großen Wohnungsmangel. Campus und Studentenwerk denken für die kommenden fünf Jahre über Neubauten mit 150 Wohnungen nach, wenn sich denn die Studentenzahlen stabilisieren.

Die SPD-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg plant aufgrund des Wohnungsmangels ein schärferes Gesetz gegen Immobilien-Spekulanten. Leere Wohnungen sollen künftig zwangsvermietet werden. Ein Vorgehen, das Sie sich auch in Lüneburg vorstellen könnten?

Mädge: Nein. Wir hatten das auch schon mal in den 90er- Jahren, aber es hat sich als schwerfälliges Instrument erwiesen. Wir sind damals nie richtig zum Zug gekommen aufgrund der Freiheit des Eigentums. Das führt zu langen juristischen Auseinandersetzungen.