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Ein quicklebendiges Gedächtnis

ca Lüneburg. Wenn unerwartet Löcher am Uni-Standort Volgershall im Boden klaffen oder es Unklarheit über den Ablauf der Planungen für den Lüne-Park und damit um eine Millionenforderung des Bundes gegen die Stadt geht, klingelt bei Danny Kolbe das Telefon. Die Chefetage des Rathauses erwartet, dass der 32-Jährige Details liefert, und zwar pronto. Der stellvertretende Leiter des Stadtarchivs und seine Kollegen suchen die Akten heraus. Während es beim Lüne-Park um ein paar Jahre geht, reicht die Geschichte des Steinbruchs Volgershall bis 1851 zurück. Für Kolbe sind solche Aufträge kein Problem: Die Registratur gibt Aufschluss, wo was zu finden ist – im Gedächtnis der Stadt.

Das Erinnern ist auch in anderen Städten organisiert. Rund 120 Hüter der Vergangenheit treffen sich an der Ilmenau zu einer Tagung, sie haben sich in der „Arbeitsgemeinschaft der niedersächsischen Kommunalarchive“ zusammengeschlossen. Grund genug, mal auf die Arbeit der sieben Mitarbeiter unter der Leitung von Dr. Thomas Lux an der Wallstraße zu schauen. Wer staubtrockene Figuren mit Ärmelschonern an knarzenden Regalen mit Stößen von vergilbtem Papier erwartet, muss sein Bild ändern. In der ehemaligen Landeszentralbank regiert die Moderne. Dokumente schlummern gekühlt und gut gesichert in Kellern, Papiere ruhen sortiert in Pappkartons, eines der wichtigsten Hilfsmittel ist der Computer.

Kolbe und seine Kollegen funktionieren wie ein Scharnier zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ihre Arbeit beginnt nicht erst beim Lagern. „Wir beraten die Verwaltung, wie man Akten führt“, sagt Kolbe. Dabei gehe es schon ums Festhalten von Informationen, denn Unterlagen sollen im Prinzip ewig zu lesen sein. „Das Deutsche Institut für Normung hat festgelegt, dass Texte als pdf- und Fotos als tif-Dateien zu speichern sind“, erklärt der Archivar. Die Kurzform des Behördennamens, DIN, kennt jeder. Die Standards haben einen simplen Grund, Speichermedien ändern sich. Disketten spielen keine Rolle mehr, CDs ergeht es ähnlich. Doch der Inhalt muss weiter verfügbar sein, daher muss der Vorgang aus dem Bau- oder Meldeamt eben entsprechend abgelegt werden. Denn es kann gut sein, dass er Jahrzehnte später erneut gebraucht wird – wie im Fall Volgershall.

Noch etwas ist Alltag für Archivare: Alle zehn Jahre müssen sie beispielsweise Daten von CDs umkopieren, denn nach dieser Zeit können Informationen verloren gehen. Auch weil bestimmte Insekten sich durch die Silberlinge knabbern und damit quasi auch Informationen verputzen.

30 Jahre müssen Akten in der Regel in der laufenden Verwaltung aufbewahrt werden, bevor sie ins Archiv wandern. So viele Ordner kann niemand im Büro stapeln. Also bestehen in Ämtern meist Registraturen, auch hier können die Archivare beraten oder einen Teil der Akten schon übernehmen. Über kurz oder lang müssen die Frauen und Männer eh darüber entscheiden: Was wird aufbewahrt, weil es über den Tag hinaus von Bedeutung ist, und was wandert ins Altpapier?

Auf vier Kilometern Länge reihen sich Akten in den Katakomben an der Wallstraße aneinander, jedes Jahr kommen 200 laufende Meter dazu. Noch ein paar Zahlen: 10 000 Urkunden lagern in dem Bau, 2000 Amtsbücher, 80 000 Fotos, 300 Film- und Tondokumente, dazu Familien- und Firmennachlässe. Auch die sammeln die Hüter der Stadtgeschichte, um Leben und Alltag in Lüneburg zu dokumentieren. Sie freuen sich, wenn vermeintlich unwichtige Überbleibsel bei ihnen landen wie Fotos aus der Gründungsbauzeit auf dem Kreideberg oder Dokumente aus Vereinen.

All das kann nicht nur für Historiker und Familienforscher von Bedeutung sein. Auch Architekten, die sich mit Umbauten beschäftigen, Nachlassforscher und Rechtsanwälte sitzen im Lesesaal, um sich durch alte Unterlagen zu lesen. Drei, vier „Kunden“ kommen pro Tag. Sie profitieren ebenfalls von der neuen Technik: Bislang ist die Hälfte der Bestände des Archivs digital so erfasst, dass Nutzer via Internet Beschreibungen des Materials abrufen und dem Archiv mitteilen, was herausgesucht werden soll.

Hier haben die Schatzwächter der Geschichte eine Baustelle: Pergament, Fotos und Papiere nutzen ab und zerbröseln, wenn sie von vielen Fingern angefasst werden, deshalb sind Mitarbeiter dabei, Materialien einzuscannen, sodass Interessenten sie auf dem Bildschirm betrachten können. Bislang sind beispielsweise 4000 der 80 000 Fotos erfasst. Wie so oft, sind die Kosten ein Problem, die Archivare bemühen sich, dafür Fördergeld und Spenden einzusammeln.

Jetzt hat Kolbe wieder zu tun, und das sehr lange. Schließlich hat er qua Archivgesetz einen Auftrag: Materialien haltbar machen – für die Ewigkeit.