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Schöne neue Welt dank Supercomputer

kg Lüneburg. Wäre das Verkehrschaos ausgeblieben, wenn Forscher 2010 den Verlauf der Aschewolke des Eyjafjallajökull vorausgesagt hätten? Wäre die Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg ausgeblieben, wenn die Veranstalter zuvor eine statistische Untersuchung der Platzverhältnisse vor Ort hätten machen können? Dank moderner Computersimulationen sind Vorhersagen dieser Art heute möglich und werden zunehmend eingesetzt. Wie verändern sie das Verständnis von Wissen? Über zunächst vier Jahre wird ein Team von Forschern der Leuphana unter Leitung von Prof. Claus Pias und Dr. Martin Warnke untersuchen, wie sich derartige Simulationen auf die Wissenschaft und die Produktion von Wissen in der Gesellschaft auswirken. Dafür stellt ihnen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) rund vier Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung. Jetzt feierte die neue Forschergruppe „Medienkulturen der Computersimulation“, die zum 2. Mai das alte Kutscherhaus in der Wallstraße bezieht, im Lüneburger Rathaus ihren Start.

Der Status von Computersimulation habe sich gewandelt, sagt Warnke. „Wurde die Simulation früher nur für das genutzt, was mit dem Bleistift nicht möglich war, ist sie heute tief in das Gewebe der Forschung eingedrungen.“ Inzwischen seien Simulationen so gut, dass sie zu belegbaren Beweisen geworden seien. Was das für unser Wissen bedeutet, wollen Warnke und Pias mit ihrem Team aus acht jungen Wissenschaftlern herausfinden. So wird die Biologin Dr. Janina Wellmann beispielsweise zur Computersimulation in der Embryologie forschen. Kommunikationswissenschaftler Dr. Niklas Scharpe fragt danach, wie überzeugend Simulationen in Computerspielen sind, während Isabell Schrickel ihre Dissertation über Klimasimulationen schreibt.

Um die Vielfalt der Arbeitsgebiete aufzuzeigen, in denen die Forschung auf Computersimulationen zurückgreift, berichtete Prof. Thomas Lippert, Leiter des Jülich Supercomputing Centres, über die Erkenntniswege der Supercomputer, die für die aufwendigen Rechenprozesse genutzt werden. Die seien in der Lage, mehrere Milliarden Operationen pro Sekunde auszuführen. „Die Computer haben Rechengeschwindigkeiten erreicht, die chemischen oder physikalischen Abläufen nahe kommen“, erklärt Lippert. „Wir sind heute in der Lage, Realität zu simulieren.“ Ob in der Hirnforschung, der Nano-Elektronik oder bei Sicherheitsproblemen: Die Supercomputer ermöglichen Lösungen von Problemen extremer Komplexität und geben Entscheidern mit Hilfe der Wissenschaft die Möglichkeit, Prophezeiungen wie die Klimaerwärmung abzuwenden.

Zahlreiche Spezialisten sollen künftig zu Gast in der Wallstraße sein und mit den Lüneburger Wissenschaftlern debattieren. Als „Luxus-Forschung“ beschreibt Pias das, denn die Förderung biete für die Forschungswelt ungewöhnlich viel Freiraum. „Sie beweist ein sehr großes Vertrauen in uns, dass wir gute Forschung machen“, freut sich der Co-Leiter der Forschergruppe, die nun eine von nur acht bundesweiten Kolleggruppen der Deutschen Forschungsgemeinschaft bildet. 2009 wurden die Gruppen speziell für die Geistes- und Sozialwissenschaften ins Leben gerufen, um Forscher aus der ganzen Welt zu bedeutenden, aktuellen Fragen ohne Lehrver-pflichtungen oder Administrationsaufgaben zusammenzubringen. Im Lüneburger Team sind mit Österreich, Deutschland, Israel und der Schweiz vier Nationen vertreten, weitere sollen hinzukommen. Zusätzlich möchte die Gruppe regelmäßig internationale Wissenschaftler zu Vorträgen einladen, die auch der Lüneburger Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Dafür wird im Hinterhof der Wallstraße 3 ein eigener Vortragssaal entstehen.