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Mehr als nur Blütenzauber

Auszeichnungen ist der Orchideengarten in Dahlenburg mittlerweile gewöhnt, doch diese Ehrung ist auch für Marei Karge-Liphard und ihren Vater Joachim Karge etwas Besonderes. Bei der „internationalen gartenschau“ (igs) in Wilhelmsburg sind die Aussteller für die „Vielzahl von Orchideensorten und zum Teil selten gezeigte Arten in besonders guter Qualität“ mit der großen Goldmedaille der Deutschen Bundesgartenschau-Gesellschaft ausgezeichnet worden. Doch was steckt eigentlich hinter dem Erfolg des Dahlenburger Familienbetriebs? Die LZ hat den Orchideengarten besucht.

off Dahlenburg. Die Luft in Gewächshaus Nummer 9 ist schwül und feucht. Es ist fast 30 Grad warm und riecht nach Sommergewitter, „perfekte Aufzuchtbedingungen für unsere Babys“, sagt Marei Karge-Liphard und zieht zur Demonstration eine winzige, unscheinbare Grünpflanze aus dem Topf. Drei Jahre alt ist das Gewirr aus Blättern und fleischigen Wurzeln, mindestens fünf Jahre werden noch vergehen, bis die Königin der Blumen zum ersten Mal blühen wird. Für die 34-jährige Dahlenburgerin war es eine der ersten Lektionen, die sie als Orchideenzüchterin lernen musste: „Die Pflanzen brauchen Zeit.“ Und sie braucht Geduld. Nicht nur zur Aufzucht – sondern auch zur Pflege und Erweiterung einer in Europa einzigartigen Orchideenvielfalt.

Seit 2007 führt Marei Karge-Liphard den 1896 gegründeten Familienbetrieb in Dahlenburg, auf Orchideen spezialisiert hat sich ihr Vater Joachim Karge 1957. Schon damals setzte der Dahlenburger auf Vielfalt statt Masse, heute wachsen in den 14 Gewächshäusern auf insgesamt rund 6500 Quadratmetern fast 1000 verschiedene Orchideenarten. Auf der Suche nach immer neuen Schönheiten reist Marei Karge-Liphard um die ganze Welt, kauft Orchideen bei Kollegen auf Hawaii, in Thailand, Japan und Californien. Gleichzeitig züchtet die Gartenbauingenieurin in ihren Dahlenburger Gewächshäusern selbst neue Sorten – und braucht auch dafür neben Erfahrung, Sachverstand und Glück vor allem eins: Geduld.

Der Akt als solcher dauert nur Minuten. Mit einem Holzstab streift Marei Karge-Liphard die Pollen der einen Blüte ab und bestäubt damit die Narbe der anderen. In 352 von 355 Fällen passiert danach nichts – und nur bei 3 von 355 Versuchen wächst nach 12 bis 24 Monaten eine dunkelgrüne Samenkapsel heran. Wird die dann langsam blass, muss Marei Karge-Liphard den perfekten Zeitpunkt abpassen, um sie abzuschneiden und per Express ins Labor zu schicken. „Bin ich damit zu früh, sind die Samen noch grün und keimen nicht“, sagt sie, „bin ich zu spät, platzt die Kapsel auf und die Samen verpilzen.“

Stimmt der Zeitpunkt, werden die Samen im Labor auf ein Nährgewebe gelegt, denn anders als viele andere Pflanzensamen brauchen Orchideen einen Partner zum Keimen. „Ein Weizenkorn zum Beispiel hat sein Nährgewebe gleich mit im Korn“, erklärt die Dahlenburgerin, „Orchideensamen brauchen als Gegenspieler zum Beispiel Mykorrhizapilze, die ihnen die nötigen Nährsalze und Wasser liefern.“ Gelingt die Symbiose im Labor, wachsen die Pflanzen dort noch ein bis zweieinhalb Jahre auf dem speziellen Nährgewebe, erst dann kommen sie zurück nach Dahlenburg – wo Marei Karge-Liphard mindestens sechs weitere Jahre warten muss, bis sie ihr „Baby“ zum ersten Mal blühen sieht.

Knapp 50 Neuzüchtungen sind ihr und Vater Joachim Karge gelungen. Das wohl bekannteste hauseigene Geschöpf, eine Doriella mit kleinen, zartrosa Blüten, taufte der Seniochef 2007 auf den Namen der 2010 verstorben Frau des Altkanzlers und Naturschützerin Loki Schmidt, die bei der Taufzeremonie schwärmte: „Diese Blume rührt mein Herz.“ Ein Satz, der Marei Karge-Liphard aus der Seele spricht. Trotz Alltag, einer gnadenlosen Branche und manch schlaflosen Nächten hat auch sie die Leidenschaft für eine der größten Pflanzenfamilien der Welt nie verloren. Jede ihrer 30 000 Königinnen kennt die 34-Jährige mit Namen – egal ob sie schon 50 Jahre alt ist und in schönster Blüte steht oder als unscheinbare Jungpflanze der ersten Blüte entgegenwächst.