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Sie lauern auf einsame Herzen

ca Lüneburg. Eigentlich war Günther Sönnichsen ein Opfer. Einer von diesen Europäern, die einsam sind und hoffen, im Internet ein bisschen Zuneigung zu finden, vielleicht mehr: eine Partnerin. Einer dieser Männer, die in Foren ihr Herz öffnen – und irgendwann das Portemonnaie. Der Lüneburger fühlte sich umgarnt, doch er merkte, es ist eher ein fesselnder Kokon, den da jemand um ihn spannt: „Betrug.“ Das traf tief, und wer verwundet wird, kann sehr wütend werden. So wie Sönnichsen, der geht nun auf die Jagd, spannt sein Netz im Netz, glaubt, dass sich darin Betrügerinnen verfangen, dass er sie austricksen könne. Und doch weiß er: Wirklich fangen kann er die Frauen und ihre Hintermänner nicht.

Das Internet entwickelt sich immer stärker zum Tatort. Rund 1500 Fälle weist die Kriminalstatistik für Hansestadt und Landkreis Lüneburg für das Jahr 2012 aus, von Betrug bis Beleidigung. Das sind zwar 150 weniger als ein Jahr zuvor, doch Polizeisprecher Kai Richter sagt, generell weise der Trend nach oben. Auch Günther Sönnichsen Fall könnte sich in der Fallsammlung wiederfinden.

Alles beginnt Mitte März. Sönnichsen ist arbeitslos und einsam in seiner Eineinhalbzimmerwohnung, ein Tablet-Computer stößt dem 55-Jährigen ein Fenster zur Welt weit auf. Bei einer der zahllosen Kontaktbörsen lernt er eine Frau kennen, Anfang 30, attraktiv, herzlich. Sie stamme aus Ghana, lebe aber in den USA, schreibt sie ihm. Sie habe eine weiße Mutter und einen afrikanischen Vater, der schon gestorben sei. Eine wackelige Erklärung, denn ein Foto, das sie ihm schickt, lässt sie eher aussehen wie eine schwedische Schönheit, blond und mit blauen Augen.

„Es ging weiter“, sagt Günther Sönnichsen: Sie habe ihn nach ein paar Schreibereien im Chat über Skype um Geld gebeten, doch er habe nichts geschickt. Wenig später sei ein üppiger Blumenstrauß mit einer Entschuldigung bei ihm angekommen, über einen Auftragsdienst – von eben dieser Frau. Später habe sie ihm erzählt, sie habe in ihrem Heimatland geerbt, insgesamt 6,3 Millionen Euro sollten ins Ausland geschafft werden. Dafür benötige sie aber eine andere als ihre eigene Kontoverbindung. Nun kam eine angebliche Bank in England ins Spiel, deren Internetseite sehr echt wirkte. Zudem sollte Günther Sönnichsen Formulare über die ebenfalls sehr amtlich wirkende Seite des US-Schatzministeriums ordern. Um die zu erhalten, hätte der Lüneburger allerdings erstmal 450 Euro in die Vereinigten Staaten überweisen sollen. Fürs erste.

„Das habe ich nicht gemacht“, sagt er. „Ich könnte es auch gar nicht, weil ich das Geld nicht habe.“ Der Kontakt reißt ab. Es ging nie um Liebe, davon ist Günther Sönnichsen überzeugt. Er gibt sich distanziert und ist doch getroffen. Er sagt: „Die Masche kann funktionieren. Es war sehr intensiv am Anfang, wir haben uns täglich geschrieben – und wenn man einsam ist. . .“ Er macht eine Pause: „Ich weiß nicht, ob ich gezahlt hätte, wenn ich das Geld gehabt hätte.“

Doch inzwischen hat der Lüneburger erkannt, dass die Betrugsgeschichten, auf die etliche andere Männer bereits hereingefallen sind, sich ähneln: „Alles konzentriert sich auf Ghana, immer ist die Mutter weiß, der Vater schwarz und tot, und immer geht es um Millionen, die aus dem Land gebracht werden sollen. Die Gewinnbeteiligung soll 25 Prozent betragen.“ Er hat herausbekommen, dass sich die Frauen auf Männer zwischen 45 und 60 Jahren konzentrieren – solche, die eine Scheidung hinter sich haben und abends im Internet auf ein neues Glück hoffen, eines, das ihr Alleinsein beendet.

Der gelernte Fernmeldetechniker, der lange in der Gastronomie arbeitete, tanzt heute als Norbert oder Jürgen auf dem virtuellen Maskenball der einsamen Herzen. Nun will er die Frauen locken. Bleiben sie an ihm hängen, schickt er ihnen Botschaften in die Chatrooms und will sie lange in diesen Separées festhalten.

Günther Sönnichsen sitzt auf dem Sofa in seiner Wohnung, dreht sich aus Turbo-Tabak eine dünne Zigarette, nippt an seinem Tee, aus der Anlage plätschert Jazz. Der Mann hat Zeit. Bis Mitternacht treibt er sich auf dem www-Kontakthof herum. Ein kleiner Mann, der Großes will: „Jede Minute, in der ich sie festhalte, halte ich sie von anderen und vom Betrug fern.“

Vier, fünf Frauen kleben im Moment vermeintlich in seinem Spinnennetz. Aber wie lange? Schickt er kein Geld, sind sie weg. Das weiß Günther Sönnichsen. Er hält sie ein paar Tage, bestensfalls zwei Wochen. Und wie viele Gauner haben im Netz ihre Netze ausgeworfen? Der Lüneburger sammelt Indizien, will die Polizei informieren. Günther Sönnichsen hat eine Aufgabe. Bis er wieder Arbeit hat.