Donnerstag , 29. September 2016
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Sturz in die tiefste Dunkelheit

as Lüneburg. Die Diagnose Krebs trifft wie ein Hammer, verändert das Leben von einem Tag auf den anderen. Es ist ein Spagat zwischen Hoffen, Angst, Verzweiflung und Ohnmacht. So hat es Bernd Wiesner erlebt, dessen Frau Alexandra an einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs erkrankte. Vier Jahre kämpfte sie voller Hoffnung – und verlor im November 2011. Bernd Wiesner sagt: „Irgendwann war der Punkt, da wusste ich, ich komme damit nicht allein klar.“ Im Beratungszentrum „Leben mit Krebs“ der Sieb-&-Meyer-Stiftung fand er Unterstützung. Doch es wird dauern, bis der schmerzvolle Weg, den er mit seiner Frau gegangen ist, nicht mehr täglich in seinen Gedanken ist.

„Alex war unglaublich stark im Umgang mit der Krankheit, unglaublich mutig. Sie war überzeugt, dass sie es schafft“, sagt Bernd Wiesner sehr konzentriert. Er sitzt mit der LZ im Beratungszimmer der Sieb-&-Meyer-Stiftung, nestelt an den Ärmeln seines Pullovers. Nach und nach schiebt er sie hoch, an den Handgelenken trägt er die schwarzen Pulswärmer seiner Frau und ein Haarband. 20 Jahre waren sie zusammen, eine innige Liebe, sie hatten noch so viel vor.

Im 10. August 2007 begann „der Horror“. Es war der Geburtstag von Bernd Wiesner, an dem seine Frau die Diagnose erhielt: inflammentorisches Mammakarzinom, eine aggressive Form des Brustkrebses. Zwei Monate zuvor hatte die Frauenärztin von Alexandra Wiesner noch gemeint, es handle sich um eine Brustentzündung. „Sie wurde mit Antibiotika behandelt, dann ging die Ärztin in den Urlaub, ihre Vertretung verabreichte ein anderes Antibiotikum.“ Vertane Zeit bei einem bösartigen Krebs, wo es doch sonst immer heiße, Früherkennung sei wichtig, um die Heilungschancen zu erhöhen, sagt ihr Mann mit Wut, die in tiefe Taurigkeit wechselt: „Aber Alex hatte wohl nie eine Chance, weil es sich um eine mörderische Form von Brustkrebs handelte.“

Nach der Diagnose im Lüneburger Klinikum – das Ehepaar holte sich eine Zweitmeinung ein – seien sie vier, fünf Tage wie in einem Schockzustand gewesen. Die Gespräche hätten zwischen Hoffnung und Vernichtung gependelt. Doch Alex wollte kämpfen. Dann kam die Chemo im Vorfeld der Totaloperation der rechten Brust. Die 37-Jährige hatte Angst, dass sie ihre Haare verliert. Als es so weit war, „war sie nicht verzagt“. Er selber umschreibt seine Gefühle in der Zeit der Chemo, Operation und Strahlentherapie so: „Über allem hängt die Angst des Verlustes. Man hofft und hofft, dass man etwas machen kann.“

Zwei Jahre später kehrt der Krebs mit aller Wucht zurück. Als wiederholt Schmerzen in der Hüfte auftraten, drängte Bernd Wiesner darauf, dies sofort abchecken zu lassen. Die Diagnose verzögerte sich, weil der Orthopäde keine Bilddiagnostik gemacht habe, berichtet Wiesner, der vieles im Zusammenhang mit der Behandlung seiner Frau als fatal nachlässig sieht. Dann der erneute Schock: Metastasen in Knochen, Hüften, Rückgrat und Leber – unheilbar. „Wir haben an dem Wochenende nur geheult, sind in tiefste Dunkelheit gestürzt.“ Aber aufgeben? Nein, doch es wurde die Hölle. „Alex litt an entsetzlichen Schmerzen, hat auf Bisphosphonate, die zur Behandlung von Knochenmetastasen eingesetzt wurden, mit Fieberschüben, Zittern und Brechen reagiert. Sie haben es nicht geschafft, sie schmerzlos einzustellen. In den letzten Monaten war Alex querschnittsgelähmt. Sterben kann so entsetzlich sein“, sagt der Ehemann und streift mit der rechten Hand über das Haarband.

Die Beratungsstelle „Leben mit Krebs“ habe seine Frau nach dem Wiederbefund aufgesucht. Die Ernährungsberatung habe ihr geholfen, mit den Folgen der Tabletten-Chemo zurechtzukommen. Und sie nahm die Sozialberatung in Anspruch, denn Leistungen der Krankenkasse und Pflegeversicherung waren gelinde gesagt ein „unübersichtliches Feld“.

Je schlimmer ihre Krankheit wurde, Bernd Wiesner arbeitete inzwischen zu Hause, desto mehr merkte er: Ich schaffe es nicht allein, mit dieser Krankheit, der Angst um meine Frau und dem Abschiednehmen zurechtzukommen. „Ich wusste, ich brauche einen Therapeuten mit psychoonkologischem Ansatz. Doch die haben in der Regel Wartezeiten von fünf bis neun Monate“, so seine Erfahrung. Bei der Beratungsstelle der Sieb-&-Meyer-Stiftung erhielt er innerhalb einer Woche einen Termin für ein Erstgespräch. Keine Wartezeit, keine Bürokratie – „es ist eine segensreiche Einrichtung. Man ist mir hier empathisch begegnet. Ich wüsste nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht hier begleitet worden wäre. Hier wird man getragen von großem Wissen, auch was die Vernetzung zu anderen Einrichtungen angeht.“

Alexandra Wiesner ist am 23. November 2011 auf der Station für Integrative Medizin in Hamburg-Rissen gestorben. Ihr Mann wird weiter von der Beratungsstelle unterstützt.