Dienstag , 27. September 2016
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Barrierefrei die Stadt erkunden

lkö Lüneburg Normalerweise hängen die Teilnehmer der Stadtführungen an Kathrin Borgmeiers Lippen, wenn sie spricht. Doch heute ist etwas anders. Ihre Gruppe hat nur Augen für die Hände von Ann-Kathrin Paul, die neben ihr steht. Sie ist Gebärdendolmetscherin und übersetzt für Borgmeier die gesamte Führung.

Die Stadtführung für Gehörlose ist ein Angebot der Aktionstage des Behindertenbeirates von Stadt und Kreis, die unter dem Motto „Ich bin entscheidend!“ staffinden und gestern begonnen haben. Neben Rundgängen für Gehörlose gab es auch welche für Rollstuhlfahrer und Blinde. Es ist jedoch das erste Mal, dass Führungen mit einer Gebärdendolmetscherin angeboten werden.

Die Idee dazu hatte Kirstin Linck. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirates und hat die kostenlosen Stadtführungen organisiert: „Die Stadtführerinnen arbeiten heute ehrenamtlich und die Gebärdendolmetscherin haben wir mit der Förderung von Aktion Mensch finanziert.“

Die Führung ist in vollem Gange. „Und wer hat das Salz Lüneburgs gefunden?“, fragt Borgmeier gerade. Dolmetscherin Paul übersetzt flink und schon zeigen die ersten Teilnehmer auf ihre Nasen und formen das Zeichen für Schwein. „Genau, es war eine Sau!“, ruft die Stadtführerin. Sie spricht sehr langsam und in einfacher Sprache, denn sie weiß: „Gebärdensprache ist eine ganz eigene Sprache, die Satzstellung ist mit der deutschen nicht zu vergleichen.“ Borgmeier beherrscht selbst ein wenig die Gebärdensprache. Dennoch ist sie froh, bei den vielen historischen Fakten eine Dolmetscherin an ihrer Seite zu haben.

Am Ende der fast zweistündigen Tour hat Borgmeier eine trockene Kehle, Paul müde Hände und die Teilnehmer ein Lächeln auf den Gesichtern. „Mir hat es super gefallen“, berichtet Antonie Weiß. „Ich war sonst immer sehr neidisch auf die Gruppen, die ich durch die Stadt gehen sehen habe und jetzt konnte ich selbst mal mitmachen. Ich wünsche mir, dass es noch mehr solche Angebote für Gehörlose gibt.“

Kirstin Linck sieht das genauso. Sie fände es schön, wenn man die Stadtrundgänge als regelmäßiges Angebot, oder zumindest auf Abruf ermöglichen könnte. „Man müsste eigentlich generell alle Angebote für alle Sinne zugänglich machen“, findet sie. Möglich wäre es. Mit Gebärdendolmetscher für die Gehörlosen, rollstuhlfreundlichen Routen und für die Blinden müsse die klassische Stadtführung nur insofern verändert werden, als dass der Stadtführer mehr beschreibt und auch zum Berühren der Gebäude animiert, um so alles „greifbarer“ zu machen.