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Der große Graue mit dem Körbchen-Schuh

ml Wendisch Evern. Einen Schlüsselbund zwischen den Zähnen klappt Josef Giesen den Deckel seiner Hemdtasche zurück und öffnet den Mund. Klappernd fallen die Schlüssel hinein. „Für mich ging es nie um die Frage, ob ich etwas mache, sondern nur wie“, sagt der 51-Jährige. Giesen ist contagan-geschädigt, seine Arme sind nur 20 Zentimeter lang.

In Wendisch Evern wirbt der Bronze-Medaillengewinner im Biathlon bei den Paralympics 2010 im kanadischen Vancouver für das Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen. Organisiert vom Lüneburger Verein „pro inclusion“, der Gemeinde und vielen Vereinen aus Wendisch Evern steht bei zahlreichen Veranstaltungen seit dem 30. April das Thema Inklusion im Mittelpunkt – auch beim achten „Zeitloslauf“ auf dem Timeloberg.

Im Freundes- und Bekannten kreis in Herzlake ist Giesen der einzige mit einem Handicap – und dennoch fast überall dabei. Entsprechend kreativ muss der ehemalige technische Zeichner sein – um auszugleichen, was andere Menschen mit ihren Armen und Händen machen. So auch in Wendisch Evern. Dort spielt der 51-Jährige Boule mit einigen Kindern des Ortes. Dazu nutzt der ehemalige Spitzensportler einen alten Arbeitsschuh mit Stahlkappe. „Ein Freund hat eine Metallkorb-Konstruktion darauf geschweißt, die die Kugel aufnimmt“, erzählt Giesen. Ursprünglich zum Boßeln gedacht, kann er damit aber auch bestens Boule spielen.

Beindruckt von der Kreativität Giesens ist auch Amelinghausens Heidekönigin Jana George. Gemeinsam mit den Original Amelinghausener Schrammlern unterstützt die 23-Jährige die Maiwoche im Zeichen der Inklusion: „Ein für die Gesellschaft sehr wichtiges Thema, um das ich mich auch weiter bemühen werde“, sagt George. Bis zum Ende ihrer Amtszeit im August will die Heidekönigin auf jeden Fall noch den SOS-Hof Bockum nahe ihrem Wohnort besuchen. Auch dort finden behinderte Menschen eine Heimat.

Während Josef Giesen ein Leben ohne Handicap nicht kennt, hat sich für Gerhard Gerdes „von heute auf morgen alles geändert“. Noch immer quält den 50-Jährigen die Frage: „Warum ich?“ Anfang 2011 kommt eine Ladung Eichenkanthölzer ins Rutschen und begräbt den Lkw-Fahrer unter sich – im Krankenhaus werden 16 Schädelbrüche diagnostiziert, der rechte Arm ist total zerstört.

In den folgenden Monaten flicken Hamburger Ärzte Gerdes wieder zusammen, muss er lernen, seinen anderen Arm zu gebrauchen. „Es ist ein langer Weg, bis man alles mit links macht“, erzählt der 50-Jährige bei der Maiwoche. Und er muss lernen, dass er seit dem Unfall anders ist als andere: „Vielen Menschen ist es unangenehm, auf meinen zertrümmerten Arm zu sehen.“ Manchmal hat Gerdes den Eindruck, „die wollen, dass ich meinen Arm verstecke, weil es nicht zu unserer Gesellschaft passt“. Doch das kommt für den ehemaligen Lkw-Fahrer nicht infrage.

Geholfen hat ihm beim Weg in das Leben mit Handicap auch sein Arbeitgeber – er hat Gerdes früh die Existenzängste mit einer neuen Job-Perspektive genommen. Heute arbeitet der 50-Jährige als Lagerleiter. Nur die Frage „Warum ich?“ lässt ihn nicht los.

Unterdessen ziehen der Vorsitzende des Vereins „pro inclusion“, Volker Brückner, und Bürgermeister Raymond Cuypers ein positives Fazit der ersten Maiwoche – und denken bereits an eine Neuauflage im kommenden Jahr.