Mittwoch , 28. September 2016
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Gemüse-Guerilla buddelt in Beeten

ca Lüneburg. Sie legen Bomben mitten in der Stadt und nennen sie Guerilla. Doch die Bedrohung ist überschaubar: Die Aktivisten um Beata Joanna Sieniuto wollen eine grünere Stadt, deshalb verbuddeln sie in Blumenkübeln in den Fußgängerzonen, im Kurpark und im Liebesgrund Lehmbällchen mit Saatgut. Schon bald sollen etwa Spinat, Salat und Sonnenblumen wachsen – wenn die Staatsmacht ihnen nicht einen Strich durch die Rechnung macht: Städtische Gärtner haben den tieferen Sinn der Aktion nicht erkannt oder erkennen wollen, haben vermeintliche Dreckbälle und Schilder mit der Aufschrift „Hier wachsen freie Gemüse für freie Bürger“ wieder entfernt.

Was da nun in Lüneburg wächst, sprießt in einem weltweiten Wurzelwerk, das in verschiedenen Blüten leuchtet. Ob in New York, London oder Tokio, überall gibt es Gruppen, die Urban Farming betreiben, also den Anbau von Obst und Gemüse in der Stadt. Sie nutzen öffentliche Grünflächen und Hausdächer, um dem Verbraucher Landwirtschaft vor die Tür zu bringen. Auch Imker machen mit, in Lüneburg etwa hat einer seine Körbe auf einer gesperrten Ebene auf dem Wasserturm untergebracht. Das Ziel: Bienen bestäuben Pflanzen, das tut der Vielfalt gut, und Honig gibt es obendrein.

Wie immer, wenn es heute um soziale und ökologische Bewegungen geht, so greifen auch die Gärtner auf elektronische Netzwerke zurück. Sie verbreiten ihre Ideen unter anderem bei Facebook. Einer der Lüneburger Köpfe ist Markus Kröger, ein Anhänger der Permakultur. Einfach zusammengefasst, besagt der Ansatz: Unkraut gibt es nicht, alle Pflanzen harmonieren zusammen, Blumen wachsen neben Kräutern und Gemüse. Dadurch können Schädlinge wenig anrichten, der Boden erneuert sich quasi selber, Zusätze wie Kunstdünger und Insektizide sind unnötig.

Im „Zickengarten“ am Kalkberg, der so heißt, weil dort auch Ziegen weiden, probiert er das Konzept mit Eckart Schöne und anderen gemeinsam aus. Die Gärtner legen Stroh-Mulch aus, um etwa den Acker-Storchschnabel kleinzuhalten: „Stroh nimmt ihm das Licht.“ Doch das Wurzelwerk bleibt belebend im Boden, Gemüse kann dann durch Lücken wachsen. „Permakultur steigert den Ertrag, der Boden wird fruchtbarer“, sagt der 51-Jährige. Das funktioniere auch im großen Stil.

Eine Behauptung, die sich an der Wirklichkeit messen lassen muss. Kröger und sein Mitstreiter Nils Besser dürfen auf dem Bio-Hof von Marten Koch in Glüsingen einen Viertel Hektar Fläche nach ihren Vorstellungen beackern. Acht Hügelbeete wollen sie anlegen und sind überzeugt, dass sie reiche Ernte einfahren. Sie heben pro Beet auf gut 20 bis 25 Meter Länge Boden aus, schichten in mehreren Lagen in der Kuhle Baumschnitt, Steine, Erde und Wolle übereinander und bringen Saatgut für Blumen, Obst, Kräuter und Gemüse aus. Auch hier gilt: kein Dünger, keine Pflanzenschutzmittel und kaum Bewässerung. Das Beet soll Feuchtigkeit speichern.

Koch hat ihnen ein karges Stück Land überlassen. „Es ist ein armer Boden“, sagt der Bauer, dessen Familie seit den 70er- Jahren auf Öko-Landbau setzt und vor dem Bio-Boom als Spinner verschrien war. Heute betreiben die Kochs Stände auf Wochenmärkten in Lüneburg und Hamburg und haben treue Kunden. Mit Spinnerei hat der 49-Jährige nichts am Hut: „Was wir machen, muss sich rechnen. Ich sehe das, was Markus und Nils machen, als Experiment.“ Er hat eine Menge Zweifel an der Wirtschaftlichkeit: „Es ist viel Handarbeit, das Drei- bis Vierfache an Aufwand, den wir in Gewächshäusern betreiben müssen.“ Koch unterstützt das Duo, er stellt seinen Trecker zur Verfügung und was für die Kompostbeete benötigt wird. Er möchte im Gegenzug, dass die Aktivisten jede Arbeitsstunde aufschreiben, um eine Bilanz ziehen zu können.

Kröger setzt auf Helfer, die zur Landverschickung kommen: Frauen und Männer, die unentgeltlich ackern. Denn er weiß, zumindest am Anfang rechnet sich die grüne Revolution nicht. Aber langfristig könne er gemeinsam mit Koch Gewinne einfahren: Das Beet anzulegen, bedeute zwar reichlich Arbeit, doch danach erledigt die Natur den Job weitgehend alleine, dann bleibe säen, pflegen, ernten.

Auch der politische Aspekt fehlt nicht, das Projekt will alte Sorten erhalten und für Vielfalt sorgen. Es ist ein Protest gegen Konzerne, die Saatgut patentieren wollen und Gentechnik propagieren. Dagegen gärtnern sie an. Auch in der Stadt. Beata Joanna Sieniuto und ihre Freunde haben ihre Saat-Bomben mit Krögers Hilfe gebaut.

Wie das so ist bei Revolutionen, die Staatsmacht ist nicht angetan vom Wildwuchs. Stadtsprecher Daniel Steinmeier erklärt, dass „unsere Gärtner in die Bredouille kommen, wenn Gurken neben Tulpen wachsen, das passt im Kurpark schlecht zusammen“. Die Gurke müsse weichen. Aber die städtische Gärtnerei sei gesprächsbereit. Also eher ein evolutionärer Weg, da könnte ein gemeinsames Wurzelwerk entstehen.