Mittwoch , 28. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Mutter ist nicht gleich Mutter
3208826.jpg

Mutter ist nicht gleich Mutter

off Echem. Ein kalter Vormittag Anfang Januar. Sabine Block holt die Post aus dem Briefkasten, schon seit Tagen wartet die Kreisvorsitzende der Lüneburger LandFrauen auf einen Umschlag des Bundesverbandes. Bei der Grünen Woche in Berlin wird sie zwei Tage lang die Arbeit des Verbandes vorstellen, darauf will sie sich vorbereiten – und zieht jetzt endlich die erwarteten Unterlagen aus dem Umschlag. Darin informiert sie der Bundesverband über Lohndebatten, neue Aktionstage – und ein Thema, von dem Sabine Block zum ersten Mal hört, obwohl es auch sie betrifft: die ungleichen Rentenansprüche von Frauen, die vor und die nach 1992 ihre Kinder bekommen haben.

Empört liest die 59-Jährige über Rentenpunkte und Erziehungszeiten und wird sich zum ersten Mal bewusst: Sie wird in sechs Jahren rund 112 Euro weniger Rente pro Monat bekommen als jüngere Frauen, „weil meine beiden Söhne vor 1992 zur Welt gekommen sind“, sagt sie. Eine Ungerechtigkeit, die die Vorsitzende der Lüneburger KreislandFrauen nicht hinnehmen will. Und deshalb nach ihrem Besuch der Grünen Woche auch im Kreis Lüneburg die Unterschriftenaktion ihres Bundesverbandes gestartet hat.

Grund der ungleichen Rentenansprüche für ältere und jüngere Mütter sind die sogenannten Erziehungszeiten, der Zeitraum nach der Geburt, in dem der Bund für Mütter die Zahlung der Rentenbeiträge übernimmt. „Bei Geburten bis einschließlich 31. Dezember 1991 wird die Kindererziehungszeit mit nur einem Jahr und nur einem Rentenpunkt angerechnet“, erklärt die Echemerin, „für Kinder, die danach geboren wurden, sind es drei Jahre und drei Rentenpunkte.“ Bei einem Gegenwert pro Rentenpunkt von aktuell 28,07 Euro Rente monatlich (alte Bundesländer) bedeutet das: Wer vor 1992 Mutter geworden ist, bekommt pro Kind monatlich rund 56 Euro und jährlich fast 674 Euro weniger Rente als Frauen, die danach Kinder bekommen haben.

Auch auf Bundesebene wird das Thema Mütterrente seit Wochen diskutiert, laut einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ haben sich die Unionsparteien Ende März auf einen Kompromiss geeinigt: Frauen, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, sollen künftig zwei Rentenpunkte gutgeschrieben bekommen. Für Sabine Block hieße das: Sie bekommt statt 112 nur rund 56 Euro Rente weniger im Monat als jüngere Frauen. Ein erster Schritt, „aber noch immer keine Gleichstellung aller Mütter“, sagt sie.

Gewählt wurde der Stichtag 31. Dezember 1992 von der Politik offenbar willkürlich – und trifft vor allem die Generationen, die kaum Chancen hatten, neben der Kindererziehung zu arbeiten. Als Sabine Block und ihr Mann 1986 ihren ersten und vier Jahre später ihren zweiten Sohn bekamen, „da gab es noch kein ausgebautes Krippen- und Tagesmütter-Netz wie heute“, erinnert sie sich. Auch Familie hatte das Ehepaar nicht in Echem, die sich um die Kinder hätten kümmern können. Also blieb die Ökotrophologin zu Hause, verzichtete auf Karriere – und damit zugleich auf die Chance, sich eine eigene, größere Rente aufzubauen.

Viele ältere Mütter trifft die aktuelle Rentenregelung damit doppelt hart, ob sie tatsächlich eines Tages angepasst wird, entscheidet sich frühestens nach der Bundestagswahl im September. Bis dahin wird Sabine Block weiter Unterschriften sammeln – in der Hoffnung, „dass diese Ungerechtigkeit geändert wird“.

Wer sich an der Unterschriftenaktion beteiligen möchte, kann sich an einen der LandFrauenvereine, den Kreisverband oder direkt an Sabine Block wenden. Auch im Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Echem liegen Listen aus.