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Mit Hänger voller Schrott auf die Insel

org Lüneburg/Wangerooge. Die Sonne blitzt mit letzten Strahlen durch die Blätter, der Abend kriecht mit feuchter Kälte aus der Wiese. Wie an jedem Himmelfahrtsabend seit fünf Jahren sitzt Britta mit Freunden und Familien auf einer Bierzeltbank im Wangerooger Rosengarten und wippt mit den Füßen: Die Lüneburger Schrotttrommler geben ihr aufwendigstes Konzert des Jahres. „Die sind schön laut“, sagt Felix und strahlt. Letztes Jahr hat sich der Achtjährige die Arme mit Autogrammen voll schreiben lassen, dieses Mal hofft das Inselkind auf einen echten Drumstick seiner Lieblingsband. Britta, Freundin Jenny, Sohn Felix und die Töchter besuchen jedes Konzert der angereisten Gäste: „Wir haben sie alle ins Herz geschlossen.“

48 Stunden vorher steht der Chef der Trommlertruppe in einem ehemaligen Pferdeanhänger vor dem Probenraum in Deutsch Evern und ruft: „Wo ist das Bassfass?“ Jörg Schwieger heißt der Chef, er hat seine Leute zusammengetrommelt, um Instrumente und Equipment für das Gastspiel auf der Insel zu verladen. Was sie an diesem Abend vergessen, können sie nicht ersetzen. Und ohne Bassfass kein Beat.

Beim Stadtfest in Jever haben die Wangerooger Festival-Organisatorinnen die Schrotttrommler zum ersten Mal gesehen. Ina, Antje, Sabine und Co spielen als Wango Diptams auf afrikanischen Trommeln, sie buchten erst Jörg für einen Workshop, luden dann die ganze Truppe auf die Insel ein und bemalten Bettlaken mit einem trommelnden Leuchtturm: Friesen-Woodstock war geboren, ein Open Air den ganzen Tag lang.

Keine 1000 Einwohner zählt Wangerooge, wächst dann aber um das Zehnfache, wenn alle Betten belegt sind. Drei der Brückentags-Nutzer sind Jörg, Annika und Michel. Das Trio hat sich noch nach dem Beladen am Abend mit dem Pferdeanhänger von Deutsch Evern auf den Weg nach Harlesiel gemacht, wo die Fähre ablegt. Sie schlafen am Hafen im Kombi, denn sie müssen die erste und einzige Frachtfähre erwischen, die geht um 7 Uhr. Gerädert sind die Trommler schon vor ihrem Auftritt, die „ungefähr eine Stunde“ Schlaf zu dritt im Auto zeigt bei den Erwachsenen Wirkung – einzig Michel ist munter, mit 14 Jahren ratzt es sich eben überall tief. Abends stiefelt die Vorhut vom Schullandheim zum Bahnhof, die Nachzügler abholen. Ja, zum Bahnhof, nicht zum Hafen. Denn die Anreise aufs autofreie Wangerooge, sie ist aus Städter-Sicht kompliziert. Koffer müssen in Harlesiel aufgegeben werden, am Hafen von Wangerooge angekommen, geht’s mit Mann und Maus von der Fähre in den Zug vom Hafen in den Ort. Die Fähre kann nur tideabhängig verkehren, der Fahrplan ist quasi täglich ein anderer. Wer sich die Nummer seines Gepäckwagens nicht gemerkt hat, büßt für die Schusseligkeit am Bahnhof: Bei bis zu 800 Fahrgästen pro Schiff wird die Suche nach einem Koffer zur Geduldsprobe. Ein Gepäckband gibt es nicht.

Jörg indes ist froh, dass die Trommler ihre Fässer und Tonnen nicht mehr vom Anhänger auf die Gepäckwagen umladen müssen: „Wir dürfen den ganzen Anhänger aufs Schiff laden.“ Das war am Anfang anders. An diesem Abend vorm Konzert ist der Anhänger trotzdem noch nicht da. „Keine Ahnung, wo er ist“, erzählt Jörg den vier Angekommenen. Auch ihnen steckt die Reise in den Knochen: Kofferaufgabe bei strömendem Regen und 45 Minuten Wartezeit im übervollen Zug, weil wegen des enormen Andrangs außerplanmäßig zwei Fähren statt einer gegen 21 Uhr am Festland gestartet sind.

Am nächsten Morgen fühlt sich die Truppe nach einer Nacht im Sechser-Doppelstockbetten-Zimmer beim Frühstück zwischen 8 und 8.30 Uhr zwar nicht jung, aber trotzdem ähnlich wie zu Schulzeiten: Kakao in Kannen und Küchendienst. Schullandheim eben. Wo der Anhänger mit ihren Instrumenten ist, wissen sie immer noch nicht. Im fünften Jahr auf der Insel kann sie das nicht mehr schocken, sie nutzen den Vormittag zum Shoppen und für einen Kaffee im Café Pudding – im ehemaligen Bunker mit Blick auf die Schiffsautobahn der Nordsee. Wer auf die Transitstrecke Richtung Elbemündung in der Nacht blickt, denkt, auf dem Wasserwerg herrscht Stau. „Die erleuchteten Schiffe sehen aus wie eine Straße in einer Großstadt. Die Reedereien sparen sich die Hafengebühren fürs Anlegen“, erzählt Jörg.

Zeit für eine Probe mit den Wango Diptams fürs gemeinsame Stück, ab in den Rosengarten. Das Vertrauen der Lüneburger in die Insulaner ist berechtigt: Der Graffiti-Anhänger steht genau da, wo er stehen soll. Und als nach dem Konzert das Stützrad abbricht, reparieren es die Wangerooger. Und als die Techniker am nächsten Morgen per Handy melden, sie würden den Hänger gerade aus dem Zugfenster heraus am Bahnhof stehen sehen – obwohl die einzige Frachtfähre des Tages kurz vorm Auslaufen ist – kriegen Ina, Sabine, Antje und Co auch das geregelt. Wenn nicht, hätten die Trommler eine Nacht länger bleiben müssen. Davon ahnen Britta, Jenny und ihre Kinder nichts, als sie den Schrotttrommlern begeistert applaudieren. „Es ist einmalig, was die machen. Und immer wieder toll, wenn sie zu uns auf die Insel kommen.“ Felix lässt dieses Mal seine Arme sauber – er trägt einen Drumstick mit Autogrammen nach Hause.