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Wind, Wellen, Weite, Glück

emi Artlenburg. Wenn er auf seinem Boot sanft hin- und hergeschaukelt wird und nur noch das Säuseln des Windes und das Plätschern der Wellen hört, ist Francisco Lopes glücklich. Mit seiner Dehler Duetta Segeljacht, die im Artlenburger Sportboothafen liegt, hat sich der Portugiese im vergangenen Jahr einen lang gehegten Traum erfüllt: „20 Jahre habe ich dafür gearbeitet.“ Nun will der 42-jährige Familienvater auf seinem 8,60 Meter langen Sportboot „Maria“ vor allem „genießen und abschalten“. Und damit ist er nicht alleine.

Seit Saisonbeginn am 15. April füllt sich der Artlenburger Jachthafen langsam wieder mit Leben. Wenige Meter von Lopes‘ Boot entfernt sitzt das Ehepaar Irmgard und Heinrich Bohne an Deck der „Antje“ und lässt den Blick über die weißen Sportboote schweifen, die wie an einer Perlenschnur aneinandergereiht im Hafen liegen. Heute ist Vereinskollege Uwe Gehrke von der Artlenburger Segelgemeinschaft (ASG) bei den beiden Rentnern zu Besuch. Sie wollen die gemeinsame achtwöchige Reise auf zwei Schiffen bis zur tschechischen Grenze planen. Morgen soll es losgehen.

Während Irmgard Bohne in der kleinen Küche unter Deck Kaffee kocht, erzählt Ehemann Heinrich, wie er vor 16 Jahren seine „Antje“ herrichtete: „1997 habe ich nur die Schale gekauft – für damals 80 000 D-Mark.“ Den Innenausbau erledigte der Handwerker selbst. Zwei Jahre lang „habe ich nach der Arbeit und am Wochenende bis zum Dunkelwerden gehämmert, gehobelt und gesägt“, erinnert sich der 77-Jährige.

Das Holz für Tisch, Küchenzeile, Betten und Schränke haben sie selbst aus dem Wald geholt, fügt Irmgard Bohne hinzu, während die 70-Jährige Kaffee und Plätzchen reicht. „Das Schiff stand in unserem trockenen Gartenteich in Lüneburg“, sagt sie und kichert.

1999 wurde die zehn Meter lange Jacht schließlich getauft und sorgt seitdem bei der ganzen Familie für „Erholung pur“. Zwei ihrer drei Töchter segeln selbst und sogar die acht Enkel haben schon einen Segelschein, berichtet das Ehepaar Bohne. Irmgard gerät beim Thema Segeln ins Schwärmen: „Man ist viel an der Luft, lernt viele andere Menschen kennen und hat sein Zuhause immer mit.“

Auch Besucher und ASG-Kollege Uwe Gehrke liebt die Ruhe und Erholung auf dem Wasser. Seit 20 Jahren ist er mit seiner 8,50 Meter langen „Bekassine“ dabei. „Vor vier Jahren habe ich den Segelmast zu Hause gelassen und bin per Motorantrieb durch die Kanäle in Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich getourt“, berichtet er stolz von einer seiner Reisen. „Ich habe mit meinem Boot sogar direkt am Pariser Eiffelturm geparkt.“

Während die drei Rentner an Bord klönen und Kaffee trinken, klettert plötzlich Francisco Lopes ins Boot und bittet Heinrich Bohne um Rat. Er will an Christi Himmelfahrt mit seiner Frau und seinen vier Kindern auf der Elbe bis nach Dömitz fahren und sucht nach dem besten Motoröl. Bohne gibt gerne Auskunft, denn: „Wir helfen uns alle gegenseitig.“ Der Verein sei wie in eine große Familie.

„Familienmitglied“ Lopes steigt schließlich wieder vom Schiff herunter und eilt zurück zu seiner Jacht – der Ölwechsel ruft, und außerdem muss er noch den Wackelkontakt an seinem Funkgerät reparieren. Nach getaner Arbeit bleibt dann Zeit für seinen Lieblingstraum: „Irgendwann einmal den Atlantik überqueren – vielleicht in 20 Jahren.“ Der Wahlhamburger ist geduldig, schließlich hat er auf die Erfüllung seines letzten Traumes auch 20 Jahre gewartet. Bis zum Ende der Hafensaison am 15. Oktober will er jetzt erst einmal über die heimischen Gewässer schippern. Denn wenn er auf seinem Boot sanft hin- und hergeschaukelt wird und nur noch das Säuseln des Windes und das Plätschern der Wellen hört, ist er bereits glücklich.