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Meeresschutz beginnt auf dem Acker

hum Lüneburg. Das Büro von Nadja Ziebarth ist in Bremen. So kommt die Meeresschutzreferentin vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) schnell an die Küste, um sich dort für den Schutz des Lebensraums Meer einzusetzen. Doch immer häufiger wird die Meeresbiologin auch landeinwärts gebraucht, wo die Ursache vieler Meeresprobleme liegt. In einem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Mensch braucht Meer“ erklärte sie in Lüneburg, welchen Einfluss das Binnenland auf Nord- und Ostsee hat.

„Jeder, der in einer intensiv genutzten Region wie Niedersachsen lebt, kriegt mit, dass die Gülle nicht einfach auf dem Feld bleibt“, sagt Nadja Ziebarth. Über die Flüsse gelangen Nährstoffe und Pestizide aus der Landwirtschaft ins Meer. Flüsse transportieren auch das, was Kläranlagen nicht herausfiltern – neben Medikamentenrückständen vor allem Mikroplastik aus Kosmetika. Die kleinen Plastikfetzen reichern sich in den Körpern der Meeresbewohner an und schädigen sie, weil sie Schadstoffe wie ein Magnet anziehen. Zudem nehme auch die „Vermüllung der Meere mit Plastik und anderem Unrat“ zu, verdeutlicht die Expertin, die seit vier Jahren das Projektbüro Meeresschutz des Bundesverbandes und der fünf BUND-Nordlandesverbände leitet. Die Konzentrationen stiegen, da Plastik etwa 300 Jahre brauche, bis es abgebaut sei. So sterben weltweit jährlich eine Million Vögel und 100 000 Meeressäuger am Müll im Meer. Ihre Gedärme seien oft gefüllt mit den langlebigen Plastikteilen, wie Nadja Ziebarth mit Fotos belegte.

In einem Experiment untersuchte sie auf einer Länge von einem Kilometer das Weserufer im Bremer Stadtgebiet. Spaziergänger hatten dort keinen Zugang, sodass nur angespülter Müll gezählt wurde. Ziebarth sammelte mit ihren Kollegen in einem Jahr 80 Säcke Plastikmüll. Viel Haushaltsabfall, aber auch Plastikfolien von Baustellen und aus den Häfen fanden sich darin. „60 bis 70 Prozent des Mülls in den Meeren kommt aus den Flüssen“, beziffert die Biologin den Anteil des Binnenlandmülls. Was einmal ins Meer gelange, sei kaum wieder rückholbar. „Meeresschutz beginnt auf dem Acker“, resümiert sie. „Die Regionen im Hinterland können entsprechend handeln“, zum Beispiel breitere Gewässerrandstreifen einrichten, damit weniger Nährstoffe aus der industriellen Landwirtschaft ins Wasser gelangen, sie vom Boden zurückgehalten werden. Ohne eine Begrenzung der Tierhaltung sei umfassender Gewässerschutz nicht möglich.

Nach dem Vorbild des irischen Umweltministers könnten die Binnenländer auch gegen den Müll etwas tun: Er habe den Preis für Plastiktüten erhöht. Dadurch sei der Tütenkonsum um 90 Prozent gesunken. Konsumenten rät Ziebarth: „Weniger Fleisch konsumieren, Plastikprodukte mehrfach nutzen.“ Mit einer Müll-Kampagne mache der BUND Druck auf Industrie und Politik. Doch um die im Hinterland verursachte Überdüngung und Vermüllung der Meere zu stoppen, sei es „noch ein weiter Weg“.

Die Ringvorlesung „Mensch braucht Meer“ findet noch bis zum 24. Juni jeden Montag von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal 5 auf dem Campus an der Scharnhorststraße statt. Veranstaltet wird sie von der Stiftung Leben Umwelt, der Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen und dem Institut für Stadt- und Kulturraumforschung der Uni.