Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Eine Familie will hoch hinaus

kg Lüneburg. Was haben eine Fotografin, ein angehender Bauingenieur, eine Sozialpädagogin und ein IT-Fachmann gemeinsam? Alle vier verbindet der Klettersport – und den wollen sie in ihrer Heimat ausüben, im Lüneburger Flachland. Seit eineinhalb Jahren haben Arne Winkler, Sarah Muthig und deren Eltern Elke und Andreas ihr Studium und ihre Jobs zurückgestellt oder gar an den Nagel gehängt, um ihrer Leidenschaft ein Zuhause zu geben. Sie haben Trockenbau gelernt, sich durch Anträge und Regularien gewühlt, Konzepte entworfen und gestalten ein ehemaliges Hochregallager im Pulverweg zu einer Boulder-Halle um.

„Bouldern ist Klettern ohne Seilsicherung in Absprunghöhe“, erklärt Winkler den jungen Sport, der sich neben dem Klettern inzwischen zu einer eigenen Sportart entwickelt hat. Ohne Sicherungsgurt und Seil, dafür mit viel Taktik und körperlichem Geschick, erklimmen die Boulderer vier bis fünf Meter hohe Wände. Kraft hilft, ist aber nicht entscheidend. Eine dicke Matte am Boden schützt im Fall eines Absturzes. „Beim Bouldern kann ich mich ausleben“, sagt der angehende Bauingenieur Winkler. „Es ist der umfassendste und kreativste Sport, den ich kenne, für den man am meisten arbeiten muss und bei dem man gleichzeitig am meisten Spaß hat.“

Für seine Freundin Sarah ist das Bouldern eng mit ihren Eltern verbunden, die seit den ersten Versuchen an der Kletterwand mit dabei sind. Mit dem gemeinsamen Projekt der Boulder-Halle hat sie das Gefühl, für sich genau das Richtige gefunden zu haben. „Alle Leute, die in meinem Leben wichtig sind, sind hier dabei. Ich mache das, was ich gerne mache, und das auch noch den ganzen Tag“, sagt die ausgebildete Fotografin.

Bisher mussten sie weit fahren, um ihren Sport ausüben zu können. Klettern und Bouldern gilt in Norddeutschland als Randsportart, die nächsten Hallen sind in Hamburg und Berlin, die nächsten Felsen im Freien im Harz. „Wir haben viele Versuche unternommen, andere zu überzeugen, eine Kletterhalle in Lüneburg aufzumachen“, erzählt Elke Muthig. Ohne Erfolg. „Dann dachten wir irgendwann, wir machen es eben selber.“ Dabei könne sie ihren Job auch einbringen, meint die selbstständige Sozialpädagogin, denn der Sport sei ein tolles Angebot für Familien mit Jugendlichen. „Und davon gibt es in Lüneburg bisher ja viel zu wenige, meist werden eher die kleinen Kinder bedacht.“

Der Umbau der Halle ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Nicht immer herrscht nur Einigkeit in der Familie. Jeder musste in die anstehenden Aufgaben hineinwachsen. Die meiste Arbeit übernahmen Arne und Sarah, beide 26 Jahre alt. „Zum Glück passiert ja alles Schritt für Schritt, irgendwann guckt man zurück und freut sich, was man alles gelernt hat. Ich bin jetzt eben Trockenbauer, Fliesenleger, Marketingfrau – alles in einem. Klar, kann man das alles nicht perfekt, aber es reicht. Und es macht unheimlich viel Spaß“, sagt Sarah Muthig.

Ende 2012 sah es im Pulverweg 6 noch ganz anders aus. Einst nutzte die Lucia Strickwarenfabrik die 1100 Quadratmeter große Halle als Hochregallager. Stahlträger und kahle Betonwände waren aus dieser Zeit übrig geblieben. Im Januar ließ das Quartett alles rausreißen, neue Fenster einsetzen, die Halle komplett streichen. Ein Unternehmen übernahm die statischen Berechnungen für die Boulderwände, bei allen weiteren Aufgaben legte das Team selbst Hand an. Sie verbauten rund 70 Tonnen Holz und 30 000 Schrauben.

Nun folgt der schönste Teil der Arbeit: „Jetzt kommen die Griffe auf die Multiplexplatten mit den Gewinden, das heißt, wir schrauben jetzt die eigentlichen Kletterrouten“, erzählt Winkler. Als ausgebildeter Trainer für den Wettkampfsport wird er einen Großteil der Lehrgänge in der neuen Boulderhalle übernehmen. Obwohl der Eröffnungstermin im Mai noch nicht feststeht, sind die ersten Kurse bereits ausgebucht.