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Kämpferische Gewerkschaften

ca Lüneburg. Keine weiteren Milliarden, um Banken zu retten, sondern ein europäisches Konjunkturprogramm für die nächsten zehn Jahre, das sei der Weg, um die dramatische Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu senken. Davon ist Michaela Rosenberger, überzeugt. Auf der Mai-Kundgebung des Lüneburger DGB auf dem Lambertiplatz forderte die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG), dass die Regierungen pro Jahr 260 Millionen Euro in die Hand nehmen sollen für diesen „Marshall-Plan“. Mit massiver Wirtschaftshilfe hatte der damalige amerikanische Außenminister George C. Marshall von 1948 an den Wiederaufbau des vom Zweiten Weltkrieg geschundenen Westeuropas betrieben.

Rund 700 Gewerkschafter waren dem Aufruf zur traditionellen Kundgebung gefolgt. Nach einem Ummarsch durch die Stadt zum Rhythmus der „Schrotttrommler“ begannen die Reden vis-È-vis vom Gewerkschaftshaus. Man sei Teil einer „weltweiten Bewegung“, die am 1. Mai auf die Rechte der Arbeitnehmer und die Menschenwürde aufmerksam mache, sagte die NGG-Funktionärin. Das Motto des DGB in diesem Jahr sei Programm: „Gute Arbeit! Gutes Leben! Gute Rente! Soziales Europa!“ Dazu gehöre ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde.

Auch der Lüneburger DGB-Regionsgeschäftsführer Dr. Matthias Richter-Steinke gab sich kämpferisch: Zehn Jahre Agenda 2010 seien kein Grund zum Feiern. Der unter Bundeskanzler Gerhard Schröder erfolgte Umbau des Sozialsystems sei aus seiner Sicht kein Erfolg gewesen. Durch die Liberalisierung des Arbeitsmarktes gebe es mehr geringfügig bezahlte und Leiharbeiter-Jobs – mit der Folge, dass in Niedersachsen 22 Prozent der Vollzeit-Beschäftigten im Niedriglohnsektor gelandet seien. Die Wirtschaftskrise von 2008/09 habe das Land durch die Zusammenarbeit der Sozialpartner gemeistert. Stichworte seien Kurzarbeit und Abwrackprämie. Der DGB-Chef forderte eine Regulierung der Finanzmärkte und ein Umverteilen des Reichtums von oben nach unten, zum Beispiel durch eine Vermögensabgabe.

Rainer Näbsch von der IG Metall stimmte die Zuhörer auf Warnstreiks ein. Das Angebot der Arbeitgeber in der Metallbranche sei unzureichend, das vermeintliche Lohnplus von 2,3 Prozent fällt nach Gewerkschaftsrechnung niedriger aus, liege bei unter zwei Prozent. Die IG Metall fordert 5,5 Prozent und meint, die Masse der Betriebe könne dies tragen.

Wie gewohnt hatte der Tag nach langen Reden auch ein bisschen den Charakter eines Festes. Bei Bratwurst und Kuchen kamen manche an den Info-Ständen verschiedener Organisationen miteinander ins Gespräch. Das sonnige Wetter bot den idealen Rahmen. Unter den vielen Gästen waren Landrat Manfred Nahrstedt, Oberbürgermeister Ulrich Mädge und die SPD-Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers.

A, 2. Mai gedenken Lüneburger der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten. Am 2. Mai 1933 ging der Staat gegen die Arbeiterbewegung vor, auch in Lüneburg. Das Volkshaus an der Ecke Schröderstraße/Apothekenstraße wurde besetzt. Auf diese dunkle Geschichte machen Dr. Matthias Richter-Steinke und seine Mitstreiter aufmerksam. Um 17 Uhr beginnt am Gewerkschaftshaus an der Heiligengeiststraße ein Stadtrundgang, der sich mit dem Thema beschäftigt. Um 18 Uhr kommen Gewerkschafter am ehemaligen Volkshaus zu einer Gedenkveranstaltung zusammen, und um 18.45 Uhr treffen sie sich zu einem Empfang im Scala-Kino.