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Die umstrittene Seuche

off Scharnebeck. Seit im Herbst 2002 die erste Kuh in seinem Stall erkrankt ist, hat Klaus Wohldmann alles verloren. Über Jahre starben mehr als 100 Rinder auf seinem Betrieb, irgendwann erkrankte auch der Landwirt, wurde von Tag zu Tag schwächer und musste irgendwann aufgeben: Haus, Hof, Heimat. Die Schuld dafür gibt er einer Krankheit, um die unter Wissenschaftlern und Tierärzten ein heftiger Streit tobt: der chronische Botulismus. Offiziell ist die Tierseuche bis heute nicht anerkannt – und so fährt Wohldmann selbst durch Deutschland, um Berufskollegen zu warnen. Die jüngste Station des Mecklenburgers und seines Leidensgenossen Niels Bratrschovsky: das Gasthaus Rose in Scharnebeck.

Knapp 50 Milchbauern sitzen auf Einladung der Milcherzeugergemeinschaft und der Landberatung Lüneburg im Saal des Gasthauses. Ob darunter Betroffene sind, darüber redet man nicht. Zumindest nicht öffentlich. Offiziell gab es im Kreis Lüneburg seit 2009 fünf Verdachtsfälle auf chronischen Botulismus, bestätigt hat sich davon nach Auskunft der Veterinärbehörde kein einziger. Da chronischer Botulismus aber schwer nachweisbar und weder anzeige- noch meldepflichtig ist, kann die tatsächliche Anzahl der betroffenen Betriebe bundesweit nur geschätzt werden. Die Zahlen reichen – je nachdem, mit wem man spricht – von einer guten Handvoll bis zu mehreren Tausend Höfen.

Glaubt man dem Bundesinstitut für Risikobewertung, steht noch nicht mal fest, ob es die chronische Form des Botulismus überhaupt gibt. Denn die klassische Form der Erkrankung verläuft akut und wird in der Regel über kontaminiertes Futter aufgenommen. Gelangt zum Beispiel ein Tierkadaver in den Grassilageballen, verotten die Überreste unter der Plastikfolie, das Bakterium Clostridium botulinum kann sich vermehren und botulinumhaltiges Leichengift produzieren, das innerhalb von Stunden zum Tod führen kann.

Bekannt ist dieses Krankheitsbild seit Jahrhunderten, doch seit Mitte der 1990er-Jahre steht das Clostridium botulinum im Verdacht, auch eine chronische Form auszubilden. Dabei nisten sich die Bakterien, ebenfalls aufgenommen über kontaminiertes Futter, nach Ansicht einiger Wissenschaftler im Darm der Tiere ein und produzieren dort Toxine, die die Tiere schleichend vergiften und irgendwann zum Tod führen. Mehr als 850 Kühe hat der Landwirt Niels Bratrschovsky auf diese Weise verloren, „ein Grauen, das ich niemandem wünsche“, sagt er. Doch für die Behörden ist das Schicksal des Mecklenburgers ein Einzelfall, die Diagnose „chronischer Botulimus“ nicht bewiesen. Bratrschovsky hingegen ist überzeugt: „Es kann jeden treffen“. Und nicht nur das: „Auch Menschen können sich mit chronischem Botulismus infizieren.“ So wie Klaus Wohldmann.

Ausgewirkt habe sich die Krankheit mit ähnlichen neurologischen Ausfallerscheinungen wie bei seinen Rindern, berichtet der Landwirt. „Irgendwann war ich so schwach, dass ich keinen Eimer mehr heben konnte.“ Doch auch diese Diagnose ist unter Medizinern umstritten. Während der Neurologe Dirk Dressler bei einigen Landwirten chronischen Botulismus diagnostiziert hat, ist die Übertragung des chronischen Botulismus vom Rind auf den Menschen laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie bisher nicht bewiesen.

Bleibt die Frage: Woran leiden Landwirte wie Wohldmann? Und was ist die Ursache für die rätselhafte Krankheit, an der seit Jahren offenbar immer mehr Rinder leiden? Mittlerweile laufen an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen Forschungsprojekte zu diesem Thema. Doch der Nachdruck dahinter fehlt, kritisieren betroffene Landwirte. 2010 haben sich einige von ihnen zur Interessengemeinschaft Botulismus zusammengeschlossen, kämpfen mit rund 30 Mitgliedern um die Anerkennung des chronischen Botulismus als offizielle Tierseuche. Sie glauben: Die Politik will das Problem verschweigen, denn mit der offiziellen Anerkennung der Krankheit müssten die Tierseuchenkassen jedes tote Rind entschädigen. Und das würde Geld kosten. „Verdammt viel Geld“, glaubt Wohldmann.

In der Diskussion um die Krankheit werden Wohldmann und seine Kollegen von vielen für Spinner gehalten, Verschwörungstheoretiker und Panikmacher. Ganz so einfach machen es sich die Lüneburger Milchbauern nicht. Stimmt es, was sie an diesem Abend gehört haben, ist auch ihre Existenz bedroht. „Das macht Angst“, gesteht ein junger Milchbauer. „Das will man so nicht wahrhaben.“ Was er mit nach Hause nimmt? „Ich werde meine Kühe noch genauer beobachten, um bei ersten Anzeichen für chronischen Botulismus reagieren zu können.“ In Südafrika gibt es einen Impfstoff gegen Botulismus, der in Deutschland nicht zugelassen ist, mit Ausnahmegenehmigung des Landwirtschaftsministeriums aber verabreicht werden darf. Bisher ist im Kreis Lüneburg ein Impfantrag genehmigt worden, ein weiterer wird laut Sprecherin Frauke Noweck derzeit geprüft.