Dienstag , 27. September 2016
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„Das erschien mir risikofrei“

rast Lüneburg. Nachdem er gerade seine Strafe wegen sexueller Nötigung in Hamburg abgesessen hatte, überfiel er 2011 eine Tankstelle an der Uelzener Straße in Lüneburg, kam wieder in Jugendhaft. Am 31. August 2012 wurde der 22-Jährige erneut entlassen, erhielt einen Schulbesuch zur Auflage. Doch das Schüler-BAFöG allein reichte ihm nicht, um seinen Cannabis- und Kokainkonsum zu finanzieren. Als sich mehrere Hundert Euro Schulden angehäuft hatten, entschloss er sich zu weiteren Tankstellen-Überfällen. „Ich dachte: Ich hab’s schon einmal gemacht, ich weiß, wie’s funktioniert, das erschien mir risikofrei.“ Da irrte er gewaltig. Seit gestern muss sich der 22-Jährige vor der 2. Großen Strafkammer im Landgericht Lüneburg verantworten – wegen schweren Raubes in drei Fällen und Verstoßes gegen das Waffengesetz. Nun erwartet ihn das erste Urteil nach Erwachsenenstrafrecht.

Der Angeklagte packte aus, gestand alle drei Überfälle und äußerte auch, dass er sich zuvor mit kleineren Diebstählen über Wasser gehalten habe, bei denen er nicht erwischt wurde. Alle Überfälle habe er unter Alkohol- und Drogeneinfluss begangen. Er hatte monatlich rund 340 Euro zum Leben – 460 Euro BAFöG und 180 Euro Kindergeld abzüglich der Miete für die Drei-Mann-WG, in der er wohnte. Täglich nahm er allerdings vier bis fünf Gramm Cannabis, wöchentlich vier bis fünf Gramm Kokain, wobei er für ein Gramm Marihuana bis zu acht Euro, für ein Gramm Kokain bis zu 80 Euro berappte – die Rechnung Einnnahmen und Ausgaben ging nicht auf.

Als er am 14. November 2011 auf der Straße einen Bekannten traf, dem er 400 Euro schuldete und der Druck machte, entschloss er sich zum ersten Überfall. Noch am selben Abend tauchte er um 21.59 Uhr in der HEM-Tankstelle Vor dem Neuen Tore auf, maskiert mit einer Wollmütze mit Sehschlitzen. Er fuchtelte mit einem geladenen Schreckschussrevolver rum, forderte „Gib mir Geld, das ganze Bargeld“ und flüchtete mit rund 305 Euro: „Damit bin ich direkt zu meinem Bekannten, habe ihm 200 Euro gegeben.“ Den Rest habe er behalten – lange reichte das aber nicht. Am 19. November um 20.57 Uhr erschien er erneut in der HEM-Tankstelle, jetzt trug er eine Strickmütze mit Sehschlitzen und forderte „Ey, ey, ey, gib Geld“ sowie Zigaretten. Dabei schlug er einem Mitarbeiter mit der silbernen Pistole auf den Rücken. Das Geld steckte er sich in die Jacken- und Hosentaschen, Zigaretten nahm er nicht mit – seine Lieblingsmarke war ausverkauft. Laut Anklage wollte der 22-Jährige noch einen Schuss abgeben, die Waffe funktionierte aber nicht. Auf seiner Flucht warf er Maske, Waffe und einen MP3-Spieler in ein Gebüsch.

Einen merkwürdigen Eindruck machte der Täter bei seinem dritten Überfall am 11. Dezember um 21.50 Uhr auf die Kassiererin der Esso-Tankstelle an der Bleckeder Landstraße, nun hatte er einen schwarzen Schreckschussrevolver dabei: „Er fuchtelte mit der Waffe rum, fuhr mit ihr immer wieder unter seine Skimaske, um Mund und Nase frei zu halten, sonst hätte er wohl keine Luft mehr gekriegt – das war das Witzige dabei.“ Sie habe den Mann aber ernst genommen, hatte Angst. Zwei Kassen räumte er aus, etliche Scheine fielen ihm dabei zu Boden. Die Angestellte: „Ich sollte das Geld für ihn aufheben.“ Das knüllte er zusammen, steckte es sich in die Hosentaschen und flüchtete. Nur Minuten später fasste ihn eine Streifenwagenbesatzung am Meisterweg, einer Beamtin fiel der Mann sofort auf: „Es war ein eiskalter Winterabend, er hatte nur einen schwarzen Pullover, keine Jacke an. Und seine Hosentaschen waren ausgebeult.“ Die Handschellen klickten. Und schnell konnten die Fahnder dem 22-Jährigen auch die ersten beiden Raubtaten zuordnen – sie hatten an der Maske aus dem Gebüsch DNA-Spuren gefunden, die identlisch sind mit der DNA des Angeklagten.

Das Urteil wird voraussichtlich am Freitag, 17. Mai, verkündet.